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Extremismus

Links hören, rechts denken

Mit Piercings, Popmusik und Palästinensertuch demonstrieren sie gegen Kapitalismus. Neonazis geben sich als Linke aus, um bei Jugendlichen gut anzukommen. Das Bild vom kahlgeschorenen Nazi-Skinhead stimmt schon lange nicht mehr - wie Rechtsextreme in Jugendkulturen vordringen.
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Kampf gegen Rechts. Mülltonne in Spandau die Nazigegner zu einer Installation umgestaltet haben. - Foto: Nowakowski
Eine Gruppe schwarz gekleideter Demonstranten läuft die Straße entlang. Sie schwenken Palästina-Fahnen, einige tragen „Che Guevara“-T-Shirts. Auf einem bunten Transparent steht die Parole „Kapitalismus zerschlagen“. Um sie herum haben behelmte Polizisten ein Spalier gebildet. Aus dem Lautsprecherwagen ertönt Musik der linken Kultbands „Ton, Steine Scherben“ und „Die Ärzte“.

Eine Demonstration von linken Autonomen? Keineswegs. Tatsächlich handelt es sich bei der Szene um einen Neonazi-Aufmarsch im vergangenen Jahr in Treptow. Das in den Medien vorherrschende Klischee vom rechtsextremen Skinhead mit Bomberjacke und Springerstiefeln sucht man bei vielen rechtsextremen Kundgebungen mittlerweile vergeblich. Beinahe unbemerkt hat sich vor allem die jugendliche Neonazi-Szene stark verändert. „Rechtsextreme Skinheads dominieren längst nicht mehr, sie sind nur noch eine von vielen Strömungen innerhalb der rechten Szene“, sagt Toni Peters vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz).

Besonders die militanten Kameradschaften tragen in Berlin zur Veränderung des Neonazi-Images bei. Sie nennen sich „Autonome Nationalisten“ oder „Freie Kräfte“. Sie tragen Piercings und T-Shirts mit Rock'n'Roll-Motiven. Den Kommunisten Che Guevara dichten sie einfach um zu einem „Nationalen Revolutionär“. Als links geltende Symbole, zum Beispiel rote Fahnen werden von ihnen aus dem Kontext gerissen und im Sinne der eigenen Ideologie umgedeutet. Sie fordern einen „Anti-Kapitalismus von Rechts“. Das ist Provokation und gleichzeitig Teil einer neuen rechten Strategie. Dass die Kameradschaften auch das Palästinensertuch tragen, soll auch zum Ausdruck bringen, dass man den Kampf der Palästinenser gegen Israel, gegen die Juden unterstützt.

Für Außenstehende ist der Wandel weg von rechter Symbolik hin zur Aneignung linker Zeichen kaum verständlich. Manche Neonazis sind äußerlich kaum noch von linken Jugendlichen zu unterscheiden. Der Verfassungsschutz und Szenekenner beobachten diese Entwicklung schon länger mit Sorge. „Das erklärte Ziel der Rechten ist es, für die breite Jugend attraktiv zu werden und aus dem Ghetto des eindeutigen Rechtsextremismus herauszukommen“, sagt Rechtsextremismusexperte Toralf Staud. Um in der Neonaziszene akzeptiert zu werden, muss man schon lange nicht mehr Skinhead sein und Rechtsrock hören. Die führenden Köpfe des militanten Kameradschaftsspektrums haben erkannt, dass es viel einfacher ist, Jugendliche zu rekrutieren, indem man sich nach außen offen, modern und ungefährlich gibt. Das dumpfe, martialische Auftreten von „Nazi-Glatzen“ verschreckt zu viele potentielle Anhänger. Die rechte Szene müsse einfach interessanter für andere Jugendkulturen werden, erklärte der als „Hitler von Köln“ bekannt gewordene Neonazi-Aktivist Axel Reitz in einem Interview des Westdeutschen Rundfunks. Es sei egal welche Frisur man trage und auf welche Musik man stehe. „Es kommt auf die politischen Inhalte an“, so Reitz.

Nachdem sich ehemals in der rechten Szene beliebte Kleidungsmarken wie Lonsdale oder Fred Perry erfolgreich vom rechten Image gelöst haben, sind die Neonazis auf andere Kleidungsstile umgestiegen. Die neuen, in der Szene beliebten Modemarken heißen Thor Steinar, Rizist oder Sportfrei. Das Sortiment ist qualitativ hochwertig, modisch geschnitten und für Laien kaum von normalen Sportmarken zu unterscheiden. Moderne Graffiti- und Hip Hop-Motive haben die alten Symbole der Rechten abgelöst. So vermeiden die neuen Popnazis verbale Auseinandersetzungen im Alltag, sie sind aber für Szene-Mitglieder trotzdem zu erkennen. Allein in Berlin gibt es vier Szeneläden, deren Angebot sich ausschließlich an rechtsextreme Kundschaft richtet, wie Innensenator Ehrhart Körting (SPD) vor kurzem auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus bestätigte.

Auch im Musikbereich versuchen die Rechtsextremen, verstärkt in andere Jugendkulturen vorzudringen. Ob Hip-Hop, Heavy Metal oder Techno – es gibt kaum noch eine Musikrichtung, in der es nicht auch rechtsextreme Bands gibt. Aber die Neonazis begeistern sich auch zunehmend für linke Punk- oder Hardcore-Musik. Die politische Einstellung der Bands wird dabei einfach ausgeblendet.

Je stärker sich die rechte Szene verändert und unterschiedliche Facetten einer Jugendkultur vereint, umso schwieriger wird es für zivilgesellschaftliche Kräfte, sich erfolgreich gegen Rechts zu engagieren. „Man muss ganz genau hinhören, denn die rechten Inhalte sind immer noch die alten“, rät apabiz-Sprecher Toni Peters. „Man darf den Neonazis auch im neuen Gewand keine Chance geben, sich zu etablieren.“ Johannes Radke

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.10.2007)
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Kommentare [ 12 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von stefano1 stefano1 ist gerade offline | 10.10.2007 10:50 Uhr
Nicht neu
Ja, das ist leider so. Letztens erzählte mir meine Friseuse, die aus Hellerdorf kommt, dort würden viele extrem Rechte herumlaufen, und die meisten würden "ganz normal" aussehen. Man muß einfach sehen, daß die Nazi-Bewegung an sich immer schon einen politschen Leerraum umfasste. Hitler war weder national noch sozialistisch, sondern einfach machtgierig und psychopatisch. Es geht bei den Nazis vor allem um ihren Nihilismus, um die Abwertung der Welt. Ihre Ideologie ist der Hass. Das müssen wir begreifen. Sie sind Menschenhasser.
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von timchen timchen ist gerade offline | 10.10.2007 11:29 Uhr
@stefano1: Narzisstisch
es ist bei den Rechten v.a. der Hass auf sich selbst, eine asbolut narzisstische Störung, totale Minderwertigkeitsgefühle, die nur ertragen werden können durch Abwertung Anderer, Schwächerer, bis hin zum Hass dieser Anderen, insofern haben Sie recht.
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von timchen timchen ist gerade offline | 10.10.2007 10:53 Uhr
Rechte gegen G8 u.a.
unerträglich, sich zB bei G8-Demos (Rostock, Heiligendamm) oder anderen eigentlich "linken" Protestveranstaltungen in "Gemeinschaft" mit Rechten zu wissen...
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von o.b. o.b. ist gerade offline | 10.10.2007 13:18 Uhr
Interessant...
...das sich viele von diesen "modernen" Rechtsradikalen (Autonomen Nationale usw.) von ihren eigentlichen Wurzeln entfernen. Wenn man bedenkt, daß diese sich als Bewahrer oder Verfechter des deutschen Vaterlandes und dessen Kultur sowie Sprache ansehen ist es schon witzig anzuschauen, daß diese dies mit Anglizismen, multikultureller Musik oder jeweiliger multikultureller Mode zum Ausdruck bringen. Ist das nicht widersinnig? Sie verraten dadurch ihre eigenen Werte und Ideale nur um bei anderen Jugendlichen anzukommen? Das könnte man glatt arm nennen. Wenn der Reitz meint, daß es egal sei, wie man aussähe, dann könnte seiner Meinung nach auch ein Punk Nazi werden? Also genau diese Art von Menschen, die man in Halberstadt aufgemöbelt hat wegen ihres Aussehens? Das klingt alles so unglaubwürdig. Darauf sollte man nicht reinfallen.
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von unbekannt | 10.10.2007 13:19 Uhr
@Timchen
Absolut richtig, deswegen gehe ich nicht mehr hin. Ist mir zu beliebig geworden und man lässt sich evtl. vor den falschen Karren spannen.
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von timchen timchen ist gerade offline | 10.10.2007 14:28 Uhr
@jimmyk: Augen auf
"deswegen gehe ich nicht mehr hin"
Dann haben Schäuble und alle (rechten) Staatsfeinde ihr Ziel erreicht.
Ich halts da eher wie o.b. ("darauf sollte man nicht einfallen") und ansonsten: Augen auf, dann wird man auch nicht vor den falschen Karren gespannt.
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von unbekannt | 10.10.2007 17:23 Uhr
Demos die eskalieren...
pflegen das sehr schnell zu tun - da hilft auch "Augen auf" nicths mehr. Ich bin der Überzeugung dass sich vor allem am 1. Mai auch Rechte in Tüchern unter die Steineschmeisser gesellen einfach um Stunk zu machen und die Ziele der Gewaltlosen in den SChmutz zu ziehen. Staatsfeinde wie Schäuble freuts denn die ziehen die Schrauben danach weiter zu. Wo mir die Ziele zu generell sind ("Anti-Globalisierung"), gehe ich nicht mehr hin.
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von ernie ernie ist gerade offline | 10.10.2007 14:28 Uhr
Nazis in Palästinensertüchern?
Das weist auf gewisse ideologische Gemeinsamkeiten zwischen extreme Rechten und extremen Linken hin ("Anti-Israel", "Anti-Kapitalismus"). Kann gut vorstellen, dass vielen Linken bei dem Gedanken unwohl wird. Zeit, sich mal ein paar grundlegende Gedanken über die eigene Weltanschauung zu machen...
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von ani ani ist gerade offline | 10.10.2007 15:21 Uhr
Wundert Euch das???
Schaut Euch doch mal die ideologischen Einstellungen von Nazis und extremen Linken an( wenn man von dem "Rasse" Aspekt mal absieht)-Antikapitalismus, Pro Palästina,antiisraelisch bis antisemitisch sind beide Grupperungen.Dumm sind die ausserdem nicht ,sie wissen, wie sie vermehrt Schäfchen einfangen können.
Die Linke war nur zu lange ignogant und hat, wegen des Klischees der saufenden Skinheaddumpfbacken,mit intellektueller Überheblichkeit nicht darauf geachtet, was sich am anderen Ende des Spektrums entwickelt
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von timchen timchen ist gerade offline | 10.10.2007 16:08 Uhr
@erni und ani:
deswegen ist ja Rechts- wie LinksEXTREMISMUS zu Recht verboten; außer - noch - nicht die eindeutig extreme NPD, aber aus bekannten Gründen ("V-Männer").
Gemeinsamkeiten finden sich lediglich in ihrer Ablehnung der „Freiheitlich demokratischen Grundordnung“, ansonsten sind ihre Unterschiede natürlich gewaltig.
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von riegel riegel ist gerade offline | 10.10.2007 15:53 Uhr
Nazis und Palästinenser
ein uraltes Thema. Der Großonkel von Arafat, der selbsternannte Großmufti von Jerusalem( sie dürfen googeln), wurde finanziert von Adolf Hitler und lebte während des 2. Weltkrieges in Berlin. Er sorgte dafür dass muslimische SS Einheiten in Jugoslawien kämpften. Er floh am Ende des Krieges mit viel Geld in die Schweiz.
Deshalb ist Adolf für viele Palästinenser ein großes Vorbild. Nicht ohne Grund wird in Ägypten die Schlacht von El Alarmein eher mit Sympathie für die Arme Rommels betrachtet.
Also einfach auf die Geschichte schauen.
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von mrofsimpson mrofsimpson ist gerade offline | 18.10.2007 23:38 Uhr
Schon immer wurde kulturelle Erscheinungen assimiliert; auch Skinhead
Mir fällt auf, dass "Skinhead" ohne nachzudenken mit Rechter Ideoligie genannt wird.
Dabei ist auch Die Skinhead-Kultur nur von Neofaschisten für sich benutzt wurden und schlicht aus dem Zusammenhang gerissen worden.
Die Kleidung ist eigentlich Asdruck der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse. Seinen Ursprung hat dies bei den englischen Arbeitern.(Dockers, kariertes Hemd, Hosenträger)
Skinhead war ursprünglich eine unpolitische Protestbewegung der Arbeit, aber vorallem eine Jugendkultur der schwarzen(meist jamaikanischen) und weißen Proletarierkinder.
Early-Reggae wird deshalb auch als Skinheadreggae bezeichnet.
Später wurde Skinhead politisch, zunächst links, später auch rechts.
Übernommen wurde von den Faschisten jedoch nur die Mode.
Deshalb ist die Verwendung des Begriffs Skinhead im Rechtsextremen Kontext falsch.

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