[Kommentare: 0]

Rechtsextremismus

Brandanschläge in Rudow – zwei Neonazis festgenommen

Ein 16- und 18-Jähriger sind wegen Mordverdachts festgenommen worden und sitzen nun in Haft. Sie sollen versucht haben, die Wohnhäuser einer bosnischen und einer türkischen Familie anzuzünden.
Anzeige
Bild vergrößern
Auf das Wohnhaus des türkischstämmigen Unternehmers Bayram Yildirim wurde im April ein Anschlag verübt. - Foto: Uwe Steinert
Die beiden Häuser in Rudow liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, in beiden wohnen Einwandererfamilien – und beide Häuser wurden im März und April dieses Jahres zum Ziel von Brandanschlägen. Beide Fälle hätten in Tragödien enden können – einmal erlosch der Brandsatz von selbst, im zweiten Fall hatte ein Taxifahrer Feuer gesehen und den Hauseigentümer rechtzeitig geweckt. Jetzt hat die Polizei zwei junge Neonazis aus der Nachbarschaft als Verdächtige festgenommen. Der Vorwurf lautet: versuchter Mord. Die 16 und 18 Jahre alten Männer sollen die Molotowcocktails (mit Benzin gefüllte Bierflaschen) auf die Häuser geworfen haben, in denen bosnische und türkischstämmige Familien leben. Im zweiten Fall war ein Partyzelt und die Jalousien in Flammen aufgegangen.

Ein Richter erließ gegen den 16-jährigen Markus P. und den 18-jährigen Robert H. Haftbefehle, sie sitzen jetzt in Untersuchungshaft. Beide gehören nach Angaben der Polizei zur rechten Szene, sind jedoch nicht vorbestraft. Einer hat die Taten mittlerweile gestanden.

Robert H. gilt als wichtige Nachwuchskraft der Rudower Neonaziszene, die sich nach Informationen der Neuköllner Antifa jüngst zur „Division Rudow“ zusammengeschlossen hat. H. wohnt in Rudow genau zwischen den beiden Tatorten Fenchelweg und Orchideenweg, die nur wenige hundert Meter auseinanderliegen. Dass die Täter in Kauf nahmen, Menschenleben zu gefährden, diese Kaltblütigkeit ist für die Ermittler neu. Die Zahl der fremdenfeindlichen rechtsextremistischen Gewalttaten ist zuletzt von 45 auf 33 im Jahr 2007 zurückgegangen.

Vom ersten Anschlag im März hatte die Öffentlichkeit nichts erfahren: Die Pressestelle des Polizeipräsidiums hatte den Brandanschlag am Fenchelweg nicht gemeldet – obwohl es einen Monat zuvor den Großbrand in Ludwigshafen gegeben hatte. Dort waren neun türkischstämmige Bewohner eines Hauses im Feuer gestorben – zunächst war ein fremdenfeindlicher Hintergrund vermutet worden. Es sei ein „Fehler“ gewesen, nicht über den ersten Fall in Rudow zu informieren, sagte ein Polizeisprecher gestern. Da die Polizei nicht von einem fremdenfeindlichen Angriff ausgegangen ist, ermittelte ein Brandkommissariat. Davon wiederum erfuhr die Pressestelle nichts. Zudem sei die Fassade des Hauses nur wenig verrußt gewesen, hieß es zur Entschuldigung im Präsidium. Unklar blieb, ob die Brandermittler wussten, dass in dem Haus eine bosnische Familie wohnte.

Das Opfer des zweiten Anschlags, der türkische Unternehmer Bayram Yildirim, war bereits am Tag der Tat – dem 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler – von einem Neonaziangriff ausgegangen. Yildirim sollte recht behalten. Er hatte damals berichtet, dass in der Nachbarschaft mehrere bekannte Rechtsextremisten wohnen, bei denen sich häufig junge Aktivisten treffen. „Die trinken Bier, machen Radau, hören rassistische Musik und belästigen alle Anwohner, ob Deutsche oder Ausländer“, sagte Yildirim. Mehrmals hätten in der Vergangenheit Aufkleber der NPD am Briefkasten geklebt, berichtete der Inhaber einer Metallbaufirma im April. Und Yildirim war sich auch sicher, dass die Täter Ortskenntnisse gehabt haben müssen – sie waren an der einzigen Stelle auf sein Grundstück eingedrungen, die nicht durch Bewegungsmelder gesichert wird. Die bosnische Familie, die im März Ziel des Anschlages war, hatte sich kurz nach dem zweiten Anschlag bei Yildirim gemeldet. Und erst der 46-Jährige informierte den Staatsschutz über die erste Tat. Die Polizei klebte anschließend Fahndungsplakate und setzte eine Belohnung aus, schnell kamen Hinweise auf H.

Rudow hat eine der aktivsten Neonaziszenen in Berlin. Nachdem die NPD in die Bezirksverordnetenversammlung eingezogen ist, sei es viel schlimmer geworden, hat Yildirim beobachtet. Früher hätten die NPD-Kleber nur Rudow verschandelt, „jetzt sind die bis zur Grenzallee aktiv“. Mittlerweile hat der türkischstämmige Berliner Kameras installiert und einen Wachhund angeschafft.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.06.2008)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Gunter Gabriel:

Nichts und niemand
Wiederauferstanden: Gunter Gabriel singt jetzt Radiohead und bilanziert die Exzesse seines Lebens.

Wettskandal:

DFB-Schiedsrichter unter Verdacht
Im größten Wettskandal in der Geschichte des europäischen Fußballs soll auch ein Schiedsrichter des Deutschen Fußball-Bundes ins Visier der Ermittler geraten sein. 15 Verdächtige sind bislang in Deutschland verhaftet worden, darunter "alte Berliner Bekannte".

Wettskandal:

Doppeltes Spiel

Kommentare [ 0 ]

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 3 + 2 = 


Anzeige
Weitere Themen

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab Lesezeichen hinzufügen

Von Ralf Schönball
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. mehr...

Festnahmen bei Protestaktion am Hotel Adlon Lesezeichen hinzufügen

UPDATEBei einer Demonstration von rund 200 ... mehr...

FU-Präsident Lenzen soll Uni Hamburg leiten Lesezeichen hinzufügen

Der amtierende Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, ist zum ... mehr...

Kinderärzte erwarten neuen Ansturm Lesezeichen hinzufügen

Udo Badelt
Viele Eltern sind wegen der Schweinegrippe besonders sensibilisiert und gehen am ... mehr...

Umgezogen und angekommen Lesezeichen hinzufügen

Von Elisabeth Binder
Der Tagesspiegel feierte die Eröffnung des neuen Verlagshauses am Askanischen ... mehr...
Fotostrecken

Die Feier im neuen Haus (36 Bilder)

Die neue Zentralbibliothek der HU (11 Bilder)

15 Jahre Cookies-Club (7 Bilder)

Gasometer in Polaroid (30 Bilder)

Studentendemo für bessere Bildung (26 Bilder)

Mitte im Wandel (83 Bilder)
Anzeige
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr
---
Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de. Diskutieren Sie mit!
Anzeige