[Kommentare: 0]

Stadtspaziergang

Nächster Halt: Biergarten

Nicht zu fassen, was man alles im Zug verpasst. Vergesst die S-Bahn – zu Fuß kann man entlang der Trasse zwischen Zoo und Alexanderplatz viel Überraschendes entdecken.
Anzeige
Bild vergrößern
Laufen statt fahren. Wie kommt man in S-Bahn-armen Zeiten bloß vom Zoo zum Alex? Zum Beispiel zu Fuß. Auf dem Weg kann man Berlins schönste Seiten wiederentdecken – entlang der Spree und im Tiergarten. Und alle paar Minuten einkehren.Fotos: Doris Spiekermann-Klaas
Man braucht ein paar bequeme Laufschuhe und Zeit. Dann kann man die S-Bahn zwischen Zoo und Alexanderplatz getrost vergessen. Eigentlich ist es nämlich viel schöner, die Strecke zu laufen, als mit der S-Bahn drüberzubrettern. Da ringsum viel italienisch und englisch und russisch gesprochen wird, fühlt man sich plötzlich wie ein Tourist in der eigenen Stadt. Vom Zoo zum Alex geht man überwiegend durch schöne, grüne Parks. Und wenn man Muße hat, kann man sich auch gut von Kneipe zu Kneipe hangeln; an der Strecke befinden sich einige der nettesten Draußen-Lokale der Stadt.

Beginnen wir am Zoo. Vorbei am Radverleih „Fat Tire“ geht’s Richtung Tiergarten. Auf dem Weg zur Schleuse machen wir einen Schnupperbesuch im Zoo. Nicht nur wegen des Geruchs; durch die Gitterstäbe kann man auch einen guten Blick auf Höckertiere werfen. Der Schleusenkrug links mit seinem riesigen Biergarten ist leider noch zu nah am Ausgangspunkt, würde sich ansonsten für eine Rast bestens eignen.

Tapfer marschieren wir vor zur Schleusenbrücke. Einen Moment schauen wir zu, wie ein Dampfer und einige kleinere Schiffe runtergehievt werden. Unten gabelt sich der Weg. Vergnügungssüchtige drehen eine Runde durch den neuen Hooters Biergarten, wo ziemlich hübsche Mädchen in ziemlich heißen Outfits die coole Florida-Variante von Fastfood umhertragen. „Jenny, Jenny, dreams are ten a penny“, schallt es aus den Lautsprechern. Kulturmenschen schlendern durchs Gaslaternen-Museum, das die Schleusenbrücke mit der Straße des 17. Juni verbindet. Auf der anderen Straßenseite müsste man eigentlich schon wieder Rast machen. Im Berlin Pavillon steckt zwar nur Burger King drin, aber das Gefühl der 50er Jahre kriegt man nirgendwo so gut wie in dem luftig eingerichteten Restaurant am Rande des historischen Hansa-Viertels. Die Klopstockstraße und Bartningallee entlang, von vielen Bäumen gesäumt, an der alten Akademie der Künste vorbei. Gleich hinterm S-Bahnhof Bellevue biegt man rechts ein, geht runter zur Spree, dann über die Brücke auf die andere Seite. Dort wieder rechts das Helgoländer Ufer lang, hinein in den Park. Auf der Wiese am Rande der Spree direkt gegenüber vom Schloss Bellevue sonnen sich Laptopträger und Zeitungsleser. Links des Wegs spielen Familien und Freundeskreise Federball und Frisbee. Auch Tischtennisplatten stehen bereit. Und ein paar Jungs üben Basketball an den Körben.

An der Luther-Brücke überqueren wir die Paulstraße, schnuppern ein bisschen türkisch-deutschen Grillduft, der von der Wiese vis à vis des Schlosses Bellevue herüberweht und laufen weiter geradeaus am Magnus-Hirschfeld-Ufer, zur Linken die Bundestagsschlange und schöne Bänke zum Ausruhen, zur Rechten die Spree und den Tiergarten. Abends ist der Weg besonders schön. Da sitzen auf den Bänken Pärchen und prosten sich mit blinkenden Rotweingläsern zu. Schräg rechts taucht das Haus der Kulturen der Welt auf, links will der schöne Biergarten vom Restaurant Zollpackhof schon wieder zu einer Pause verführen. Kaum haben wir uns die verkniffen, tauchen auf der rechten Spreeseite, nicht weit hinterm Bundeskanzleramt, die Liegestühle der Strandbar gegenüber vom Hauptbahnhof auf, dort müssen wir eh über die schmale Fußgängerbrücke ans andere Ufer wechseln. Auch ohne Bar gibt es schöne Nischen zum Verweilen, sogar überdachte. Hat man das schnelle Geratter der S-Bahn-Räder erst mal abgeschüttelt, wirkt die Langsamkeit fast suchterzeugend. Am liebsten möchte man eine Pause an die nächste reihen.

Jetzt geht es durch die aus der Fußgängerperspektive immer noch etwas futuristisch wirkende Perspektive des Regierungsviertels. Die schönsten Facetten des neuen Berlin kriegt man aus den S-Bahn-Fenstern einfach nicht zu sehen. Auf den flachen Stufen, die zum Reichstag hochführen, haben sich jede Menge Touristen niedergelassen. Beim Spaziergang wirkt Berlin wie ein Open-Air-Wohnzimmer. Die Spree wälzt sich glänzend zwischen den Gebäuden her und sieht erfrischend sommerlich aus.

Dann taucht hinter der nächsten Brücke rechts das ARD-Hauptstadtstudio auf. Wir gehen wieder links der Spree auf dem Schiffbauerdamm. Leider wieder ein paar kulinarische Verführungen voraus. Das Essen in der StäV ist nämlich besser, als die Touristenmassen vermuten lassen. Vom Kölsch nicht zu reden. Jetzt reiht sich Kneipe an Kneipe, am Berliner Ensemble das legendäre Ganymed und gleich hinter der Brücke der Grill Royal, der Prominente und Künstler anzieht.

Jetzt wird der Weg fast altmodisch: Laubengänge, Treppen wie aus einer anderen Zeit. Und plötzlich weht Musik herbei. Auf der Open-Air-Tanzfläche gegenüber dem Bode-Museum walzen Pärchen in Jeans und Leggings zu den Klängen von „Moon River“ unter den Sternen. Ringsum sitzen die Menschen in Liegestühlen, trinken Bier und essen Pizza. So schön ist es auch im Urlaub eher selten.

Kurz dahinter, an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zaubert ein junger Mann Riesenseifenblasen. Vorbei am DDR-Museum zum Marx-Engels-Denkmal, dort rasch noch eine Familie mit demselben fotografiert.

Dann sind wir schon da: Berlin Alexanderplatz, nur 90 wunderbare Fußminuten vom Zoologischen Garten entfernt. Nicht zu fassen, was man im Zug alles verpasst. Danke S-Bahn! Elisabeth Binder

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 02.08.2009)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Gunter Gabriel:

Nichts und niemand
Wiederauferstanden: Gunter Gabriel singt jetzt Radiohead und bilanziert die Exzesse seines Lebens.

Wettskandal:

DFB-Schiedsrichter unter Verdacht
Im größten Wettskandal in der Geschichte des europäischen Fußballs soll auch ein Schiedsrichter des Deutschen Fußball-Bundes ins Visier der Ermittler geraten sein. 15 Verdächtige sind bislang in Deutschland verhaftet worden, darunter "alte Berliner Bekannte".

Wettskandal:

Doppeltes Spiel

Kommentare [ 0 ]

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 5 + 1 = 


Anzeige
Weitere Themen

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab Lesezeichen hinzufügen

Von Ralf Schönball
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. mehr...

Festnahmen bei Protestaktion am Hotel Adlon Lesezeichen hinzufügen

UPDATEBei einer Demonstration von rund 200 ... mehr...

FU-Präsident Lenzen soll Uni Hamburg leiten Lesezeichen hinzufügen

Der amtierende Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, ist zum ... mehr...

Kinderärzte erwarten neuen Ansturm Lesezeichen hinzufügen

Udo Badelt
Viele Eltern sind wegen der Schweinegrippe besonders sensibilisiert und gehen am ... mehr...

Umgezogen und angekommen Lesezeichen hinzufügen

Von Elisabeth Binder
Der Tagesspiegel feierte die Eröffnung des neuen Verlagshauses am Askanischen ... mehr...
Fotostrecken

Die Feier im neuen Haus (36 Bilder)

Die neue Zentralbibliothek der HU (11 Bilder)

15 Jahre Cookies-Club (7 Bilder)

Gasometer in Polaroid (30 Bilder)

Studentendemo für bessere Bildung (26 Bilder)

Mitte im Wandel (83 Bilder)
Anzeige
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr
---
Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de. Diskutieren Sie mit!
Anzeige