Wo immer Scientology einen Stand aufbaut sind sie nicht weit: Die Anonymous-Leute kämpfen gegen die Organisation, die ihre deutsche Repräsentanz in Charlottenburg eröffnet hat - mit Masken, falschen Namen und Informationen.
Kurz vor 16 Uhr hat die Suche ein Ende. Robert Tonlein*, 27 Jahre alt, schwarzer Anzug, akkurat geknüpfte Krawatte, das Gesicht hinter einer Faschingsmaske versteckt, hat die Scientologen endlich entdeckt. Am Ku’damm oder auf dem Potsdamer Platz, wo sie bisher jeden Samstag standen, hat er sie nicht gesehen. Die Anhänger haben heute ausnahmsweise am Alexanderplatz ihren Infostand aufgebaut. Dort versuchen sie, Passanten davon zu überzeugen, einen „Stresstest“ zu machen. Der endet dann mit der Diagnose von Schwächen – und dem Angebot, Scientology könne mit Kursen helfen.
Diese Hilfe bietet die Organisation, die sich als „Religion“ versteht, nicht ganz uneigennützig an. Mehrere Tausend Euro kosten einzelne Kurse – Aussteiger werfen der Organisation vor, Anhänger finanziell auszuplündern. „Wir halten Scientology für eine Psychosekte, die massiv Menschenrechte verletzt“, sagt Tonlein. „Wir möchten potenzielle Opfer schützen, indem wir über Scientology aufklären – mit friedlichen Mitteln.“
Gemeinsam mit drei Mitstreitern, auch sie in schwarzen Anzügen und mit Maske vorm Gesicht, bezieht er unweit des Standes Position. Mit lauter Stimme warnen die Maskenträger Passanten davor, einen Stresstest zu machen oder die grellbunten Flyer anzunehmen. Die Passanten gucken amüsiert bis irritiert. Der Stand, auf dem zwei Stresstest-Geräte stehen – simple „Lügendetektoren“ – bleibt verwaist.
Seit Februar 2008 kämpft die weltweit agierende Protestgruppe „Anonymous“ gegen Scientology. Damals tauchte im Internet ein Video auf, das den Schauspieler und bekennenden Scientologen Tom Cruise vor fanatisierten Anhängern zeigte. Da die Rhetorik des Hollywood-Idols an Reichspropagandachef Goebbels erinnerte, bemühte sich die Sekte, das Video zu zensieren und aus dem Internet zu entfernen.
„Anonymous“ gründete sich spontan in einem Internetforum und legte wenig später die Homepage der Organisation lahm. Von illegalen Aktionen hat sich die Gruppe aber inzwischen verabschiedet. An Aktionstagen, die weltweit stattfinden, treffen sich die Maskenträger stattdessen zu Demonstrationen – meistens direkt vor den jeweiligen Hauptsitzen von Scientology. Am heutigen Sonnabend findet der Protest schon zum siebten Mal statt. In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart werden die „Men in black“ protestieren.
In Berlin gehören etwa 100 Mitstreiter zu „Anonymous“. Der Name gehört bei den Sektengegnern gewissermaßen zum Programm. Aus Sorge vor Infiltrationsversuchen wahren die Aktivisten nämlich strikte Anonymität – selbst untereinander. Sie haben spezielle Handynummern, reden sich nur mit Spitznamen an und verabreden sich nur durch anonymisierte E-Mail-Verteiler.
Tonlein, der als Webmaster arbeitet, ist von Anfang an dabei. Er sagt, dass er sich engagiere, weil er jede Art der Zensur ablehne – so wie seine Mitstreiter. Ein persönlicher Grund sei auch ein Onkel: Der geriet einst in die Fänge der Organisation. „So habe ich hautnah miterlebt, wie Scientology Familienbindungen zerstört und Menschen psychisch vernichtet.“ Deshalb nimmt er ein- bis zweimal pro Woche an sogenannten „Blitz-Raids“ teil: Aktionen, bei denen Werbeversuche der Scientologen auf der Straße behindert werden. So wie heute.
Scientology nimmt die Maskenträger offensichtlich ernst. Nur 20 Minuten, nachdem sie Position bezogen haben, fährt ein Polizeiwagen vor. Der Beamte spricht kurz mit dem Chef des Standes. Der beklagt sich über die massive „Werbebeeinträchtigung“ durch die Maskenaktivisten, und dass dadurch rund 70 Prozent weniger Interessierte kämen. Der Polizist nickt, geht dann zu Tonlein und weist ihn freundlich darauf hin, mehr Abstand zum Infostand zu halten.
„Rechtlich gesehen bewegen wir uns in einer Grauzone, aber die Polizei hat glücklicherweise etwas Ermessensspielraum“, sagt Tonlein später und drückt gleichzeitig einer jungen Mutter einen Infozettel in die Hand. Auch eine ältere Dame will jetzt einen Infozettel und klopft ihm wohlwollend auf die Schulter, Jugendliche lassen sich mit ihm fotografieren und wollen wissen, wo es die „coolen Masken“ gibt.
Dabei sind die kein Gimmick, sondern purer Selbstschutz. Scientology sei dafür bekannt, Gegner mit Mitteln wie Rufmord zu bekämpfen. Deshalb hat Tonlein am Arbeitsplatz und im Freundeskreis sein Engagement öffentlich gemacht. Er will so möglicher Gerüchteverbreitung entgegentreten. Ein Scientologe habe schon versucht, ihn bis zu seinem Auto zu verfolgen. Seine Maske ist bewusst gewählt. Sie stammt aus dem Science-Fiction-Film „V wie Vendetta“, wo ein einsamer Held gegen ein totalitäres System kämpft.
Der heutige Aufklärungskampf der vier Maskenträger scheint erfolgreich zu sein. Eine knappe Stunde nach ihrer Ankunft packen die Scientologen ihren Infostand zusammen. „Die heutige Aktion war ein echter Erfolg“, sagt Robert Tonlein und steckt sich eine Zigarette unter der Maske an. „Normalerweise bleiben die drei Stunden länger.“
*Name geändert
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 16.08.2008)
Kommentare [ 8 ] Kommentar hinzufügen »
Es gibt Webseiten zur Information. Bitte vorher ein wenig lesen. Auf einigen dieser Seiten sind auch ein paar Tips wie man sich auf den Protesten zu verhalten hat. Davon möchte ich einige hier wiedergeben:
1. Auf gar keinen Fall die eigene Identität preisgeben. Das heißt man muss immer vermummt kommen und gehen und die Maske zu keiner Zeit ablegen.
2. Nicht mit dem eigenen Auto kommen. Ein Teil der Anreise immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bevor die Maske abgelegt wird immer versichern, dass einem keiner gefolgt ist.
3. Keine Gegenstände anfassen, die Scientologen bekommen (Fingerabdrücke, die später z.B. an einem Tatort hinterlegt werden könnten).
4. Immer die Kleidung wechseln wenn man unmaskiert wieder in die Nähe von Scientologen kommt. An der gleichen Kleidung könnte man wiedererkannt werden.
5. Nicht mit Scientologen sprechen.
Es gibt noch mehr regeln.
6. Vorsicht!!!
Dieser Verein betreibt auch Gehirnwäsche und fragt Mitglieder aus (Beichte) um bei späterer Gelegenheit diese Kenntnisse gewinnbringend zu verwerten oder kann mir jemand die Frage beantworten, woher der unermessliche Reichtum dieser Leute, incl. eigenem Staat, so stammt! Nebenher ziehen viele dieser Herren der frohen Botschaft schon kleinen Kindern die Hose aus, um sich an ihnen zu verlustigen.
Ach ja, ist ja alles schon so lange her!
Also für die "Anonymus" gibt es noch viel zu tun und viele Orte zum Demonstrieren, oder sehe ich was verkehrt?
Um den Maskenmann zu ermahnen. Da staune ich nur, wozu die Polizei in Berlin sofort bereit ist.
Als ich neulich in Berlin zugeparkt wurde, was besonders schlimm war, da meine Frau kurz vorher eine sehr schwere Operation hatte, hatte sich niemand sehen lassen!, auch nicht nach 40 Minuten, wo dann die Dame, die mich zugeparkt hatte, mit ihrem unangeleinten Kampfhund davongefahren ist.
Sehr "schnauzig" hat man sich mir gegenüber in der Funkzentrale verhalten, das war es, mitten in Berlin!
Als Scientologe bekomme ich offenbar sofort Hilfe!
Für "normale" Bürger ist die Polizei längst kein "Freund und Helfer" mehr.
Treibt das System dieser Sekte Menschen bis in den Selbstmord? Eine Person, der ich glaube, hat mir zumindest von einen Fall berichtet.
Man kann dagegen halten, daß Menschen auch in anderen Systemen in diese Situation kommen. Darum muß man schon weitere Aspekte hinzuziehen, um sich ein vollständiges Urteil über diese "Kirche" zu machen.
Für Sekten läßt sich wohl allgemein sagen, daß die Machtausübung über andere im persönlichen Bereich über das notwendige Maß weit hinaus geht, und, daß diese Machtausübung viel mehr Selbstzweck des Systems ist, als es bei vergleichbaren Systemen (Kirche, Wirtschaft, etc.) der Fall ist.
An alle, die darüber nachdenken, gegen Scientology zu protestieren oder es schon tun:
1. Auf gar keinen Fall die eigene Identität preisgeben. Vollgummianzug, Tarnkleidung oder Overall anziehen. Im Gesicht tätowieren lassen oder mit Ruß oder Schmiere färben. Vorteil lästige Maske entfällt.
2. Anreise zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Macht einen sportlichen Eindruck, bringt den Kreislauf in Schwung und spart vor allem Geld.
3. Keine Gegenstände anfassen! Entweder Handschuhe tragen und Magnesiumpulver verwenden oder Armlosen spielen.
4. Nicht nur die Kleidung wechseln, sondern auch die Stimme verstellen (Stimmenidentifizierung).
5. Auch nicht mit Anons sprechen; könnten verkleidete Scientologen sein!
6. Es gibt tausende Regeln.
7. Super Vorsicht!!!
Die perfekten Regeln der Abschottung!
Am besten gleich vorprogrammierte Roboter als Demonstranten losschicken, die nur Ihre Botschaft herausposaunen!