24 Stunden lang konnten die Berliner ihr Leben auf der Leinwand sehen – auch draußen auf vielen Plätzen.
Es ist 12.12 Uhr, und Leslie aus Neukölln tuscht sich die Wimpern. Sie erzählt, wie wichtig es ihr ist, in den Spiegel zu sehen, bevor sie ihre Wohnung verlässt. Das sei wohl eine ihrer „Macken“. Das Gesicht der 34-Jährigen ist in Großaufnahme zu sehen, darunter die Uhrzeit – auf einem Bildschirm auf dem Alexanderplatz.
Normalerweise läuft hier ein Film zur Mauerfall-Open-Air-Ausstellung nebenan. Doch am Sonnabend ist schon seit 6 Uhr morgens die RBB-Dokumentation „24h Berlin. Ein Tag im Leben“ zu sehen – laut Sender „die längste TV-Produktion in der Geschichte des Fernsehens“. Vor genau einem Jahr, am 5. September 2008, haben 80 Kamerateams 20 Berliner Protagonisten und viele Nebenfiguren 24 Stunden lang begleitet – von 6 bis 6 Uhr.
750 Stunden Material kamen dabei heraus, die zu einem 24-stündigen Film zusammengeschnitten wurden – streng chronologisch. Der Film ist nun, ein Jahr später, ebenfalls von 6 bis 6 Uhr zu sehen. Und es ist auf die Minute genau ein Jahr her, dass Leslie vor dem Spiegel stand. Der einzige Unterschied: Im vergangenen Jahr war der 5. September ein Freitag, dieses Mal ist es ein Sonnabend.
So haben mehr Berliner frei und können den Film sehen. Nicht nur zu Hause im Fernsehen, sondern auch an 50 öffentlichen Orten – zum Beispiel in Banken, Geschäften, Cafés und hier am Alexanderplatz. Aber wo sind die Zuschauer? Immer mal wieder bleibt jemand stehen, allerdings nur kurz. Wie Roland Horn mit seinem Hund „Smilla mit Gespür für alles“. Er hat noch nicht ganz verstanden, worum es geht. „Ich muss nicht unbedingt sehen, wie sich eine Frau 24 Stunden lang schminkt“, sagt er halb im Scherz.
Unter der Kuppel des Sony-Centers trifft man auf begeistertere Zuschauer: Klaus Dittgen guckt schon seit heute morgen um sechs. Zuerst zu Hause und jetzt hier, auf der großen Leinwand. Auch Dittgen hat seinen Hund dabei: Der 51-Jährige hat den Spaziergang mit „Schnecke“ so geplant, dass er an mehreren Orten vorbeikommt, wo „24h Berlin“ zu sehen ist. „Der Film spiegelt so richtig mein Leben wider“, sagt er. „So ist Berlin.“ Er hat sogar seine Mutter im Saarland überredet, sich die Dokumentation auf Arte anzusehen. Da werden Ausschnitte gezeigt. „Damit sie mal einen Eindruck davon bekommt, wie ihr Sohn hier so lebt. Sie war noch nie in Berlin.“ Er fiebert mit den Protagonisten mit: „Der Junkie hat sich vorhin einen Schuss gesetzt.“ Und Leslie aus Neukölln ist auf der Leinwand gerade an ihrem Arbeitsplatz in einem Callcenter angekommen. „Ich werde versuchen, bis morgen früh durchzuhalten“, sagt Dittgen. Sabine Jacob ist eigens aus Steglitz ins Sony-Center gekommen, um „nicht allein zu Hause zu gucken“. Jetzt ist die 51-Jährige etwas enttäuscht – weil sie nicht besonders viel Gesellschaft hat. Sabine Jacob will trotzdem mindestens eine Stunde gucken, „wie andere Berliner so ihre Tage verbringen – besonders Wowereit“. Auch der Regierende Bürgermeister gehört zu den Protagonisten, am Sonnabend spricht er nun im Technikmuseum mit den Machern der Dokumentation. Dort läuft der Film überall auf Bildschirmen an den Wänden – plötzlich läuft Wowereit an sich selbst vorbei und wird erneut gefilmt. Schon morgens um sechs hat er den Fernseher eingeschaltet und dabei vor allem sein Doppelkinn gesehen: „Das kommt wunderbar raus, wenn man mich so dicht von der Seite filmt.“
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.09.2009)
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Und da das Gesamtkunstwerk auch noch vom RBB zu arte durchgeschaltet wurde, droht uns wahrscheinlich in absehbarer Zeit "24 Stunden Paris" als "Rückspiel".
Immerhin: Wieder ein Grund mehr, den Fernseher ausgeschaltet zu lassen. Wie wusste es schon Robert Lembke: "Hörfunk geht ins Ohr, Fernsehen geht ins Auge" (Gruß auch an alle IFA-Besucher und -Aussteller).
Hey, ich möchte mich auch schlicht anschliessen, es war spitze!!
in den letzten jahren zustande ge-
bracht hat. die stadt kann dankbar
dafür sein.
Das Fernsehen krankt ja daran, dass es immer nur der selbe Mist ist, der läuft. Und hier wurde wirklich mal etwas gewagt! Das ganze Programm für 24 Stunden für eine Doku freigeräumt! Allein für diesen Mut gebührt den Programmdirektoren der öffentlich-rechtlichen zur Abwechslung mal Beifall.
Und wenn man die Zeit hatte, große Teile der Doku zu verfolgen, dann konnte man zu den handelnden Personen wirklich eine Bindung aufbauen, z.B. zu der werdenden Mutter, die man frühs gesehen und dann abends immernoch in den Wehen lag. Abwechslungsreich war das Ganze sowieso und es wurde die volle Bandbreite des Lebens gezeigt zwischen Hochzeit und Beerdigung, rappenden Jugendlichen und einsamer alter Dame, Drogenjunkie und Call Center-Agentin.
Also mir hat dieses Experiment wirklich gut gefallen und bitte mehr davon - nicht von Berlin oder Dokus, sondern von der Kreativität und dem Mut sowas zu planen und durchzuziehen!
Den Vorwurf der Niveaulosigkeit, wie bei (Vorabend-)serien kann man den Machern ganz bestimmt nicht machen. Auch die so beliebten, weil wohl billig zu produzierenden, Zoo-Dokumentationen gehen mir ziemlich auf den Geist. Hab "nur" rund 3 Std. der Dokumentation angesehen, fand so manche Darstellung für die Protagonisten sicherlich peinlich, aber das ist halt einmal ein Ausschnitt unserer Gesellschaft.
Die Lebenswelten Berlins wurden zu einem großen Teil authentisch eingefangen. Man kann von einem Meilenstein der städtischen Selbstfindung sprechen. Gängige oder veraltete Berlin Klischees wurden vermieden. Der rbb als Film und Meinungsmacher hat der Stadt eine zeitgemäße Identität und Neuorientierung gegeben. Ich habe kaum Zweifel, dass dieses Format in ähnlicher Form national und international kopiert wird.
Von 9 - 2 Uhr habe ich die meisten Teile mitverfolgt und kann sagen, hier ist ein nahezu ausbalanciertes Berlin vorgeführt worden. Generationen, Schicksale, Ethnien, Klassen, Stimmungen,
wurden in einem repräsentativen Kaleidoskop dargestellt.
Die deutlichsten Mängel der Fernseh-Doku sollten jedoch auch genannt werden. Folgende für Berlin prägende Gruppierungen waren abwesend: Wissenschaftler, Studenten, Touristen, Hipster und Hunde.
Mein persönlicher Geschmack wurde nur bei der Darstellung des Nachtlebens getroffen. Während den Tageslichtaufnahmen dachte ich nur: Man müsste die eigentlich die halbe Stadt abreißen um ihr dann ein attraktives Gesicht zurückzugeben.
Nur: ob der sympathische Knacki wirklich typisch für seine Spezies ist? Und leben alle Junkies so normal wie der gezeigte? Da habe ich meine Zweifel.
Unnötig zu erwähnen, dass ich das Format mega-grossartig fand?!
Natürlich war nicht alles perfekt. Wie denn auch-
bei diesen "Ding". Wichtig ist,dass endlich mal etwas neues versucht wurde. Das allein zählt !
Schon allein die Luftaufnahmen der Stadt waren
sehenswert.
Oh,RBB, bitte weiter so kreativ und nie wieder
der Spiessigkeit anheim fallen. Vielleicht fällt
von der Kreativität auch etwas für die Abendschau ab.
Vorschlag: Ziehen Sie doch in eine "bürgerliche Stadt" ohne "Randgruppen" und kommentieren Sie die dortigen Zeitungsartikel.
Die Leistungsträger waren doch alle vorhanden, schon früh um 6 Uhr ging die junge Frau zur schicht bei BMW. das mann keine Bankrotteure gezeigt hat tut auch nur Ihnen leid.
Ein einziges mal möchte ich mir den nämlich gerne gönnen!
Kann mir jemand helfen?
Ich hoffe ich kann eines Tages vom 12-Gänge Menü "Grand Voyage du Chef" berichten, wenn ich das jemals überlebe.
Wichtig nur: KEINE OBLATE mehr danch!
Viele Grüße!
S.K.
Welche "Musik" in einem Club gespielt wird und dass ich deswegen dann doch froh bin die 70er,80er und 90er miterlebt zu haben.
Schlaflabor, Telefonseelsorge, Großbäckerei, Notaufnahme, Taxifahrer, Muslime in Trance... Sehr interessant auch die Zwischenkommentare, z.B. wie schnell sich 1,7Millionen Einwohner von Berlin ausgetauscht haben. Die Hälfte der Stadt in relativ kurzer Zeit.
Doch, es gab viel interessantes zu sehen.
Der Film sollte in Ausschnitten unbedingt im Ethikunterricht der Oberschulen gezeigt werden, z. B. zum Thema Toleranz.
Das war mal Fernsehen der Extraklasse!
Es hätte ein wenig mehr Nähe zur Wirklichkeit gebraucht. Super Sache, aber nicht ganz Berlin.
Aus Sorge um das Miteinander riet Kanzler Helmut Schmidt
Anfang der 70er Jahre, weniger fernzusehen:
"Sie werden feststellen, dass es Sachen gibt,
die mehr Spaß machen als Fernsehen. So wie
an den autofreien Sonntagen im November 1973
viele erlebt haben, dass es Dinge gibt,
die mehr Spaß machen als Autofahren."
24h Berlin life und in Farbe - in Echtzeit am schönsten.
Ein rundum gut gelungenes realistisches Bild vom Leben in der Stadt.
Für einige Kommentatoren hier, es sind so viele Randgruppen darin vorgekommen, dass sie die Mehrheitsgesellschaft darstellen.
Die alle gehören zum Alltag der Stadt.
Ein guter Kontrapunkt zum privaten Proll- und Verdummungsfernsehen.
Nebenbei wirkte diese Dokumentation auch enorm indentitätsbindend.