Frank Zander lud zur Weihnachtsfeier: 2700 Bedürftige kamen ins Neuköllner Estrel - und wurden von Prominenten wie Nina Hagen, Heinz Buschkowsky und Jeannette Biedermann bedient.
Ein Strom von Menschen bewegt sich am Haupteingang des Hotels Estrel vorbei in Richtung Tor Zwei. Gerade sind sie einem doppelstöckigen BVG-Bus mit der Aufschrift „Weihnachten mit Frank Zander“ entstiegen, der sie aus vielen Teilen der Stadt hierher nach Neukölln gebracht hat. Manche von ihnen tragen Schuhe mit Löchern. Andere haben keine Jacke, sondern nur einen Pullover an. „Die nächste richtig kalte Nacht kommt bestimmt, da härte ich mich lieber etwas ab“, sagt Peter, ein Mann mit krausem Bart und freundlichen braunen Augen. Es ist ein Grad über Null.
Drinnen im Festsaal, einem Nebengebäude des Hotels, ist es warm. Hierhin hat Frank Zander an diesem Montagnachmittag zum 15. traditionellen Weihnachtsessen für obdachlose und bedürftige Berliner geladen. Rund 2700 von ihnen sind gekommen, auch zahlreiche Kinder sind darunter. Sie werfen neugierige Blicke auf die vielen Stofftiere, Spiele und rund 500 verpackten Geschenke, die sie am Schluss mit nach Hause nehmen dürfen. Von der Bühne aus wünscht der 67-jährige Charlottenburger Zander seinen Gästen kurz „ein schönes, geiles Weihnachtsfest“, dann wird serviert. Und das nicht etwa von einfachen Kellnern, sondern - der Clou der Veranstaltung - von Prominenten: Da jongliert Moderator Wolfgang Lippert stets mehrere Teller, Schauspielerin Jeanette Biedermann verteilt nicht nur das Essen, sondern nach Wunsch auch Küsschen. „Es ist wunderbar, wie leicht man den Menschen eine Freude machen kann“, sagt sie. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) hingegen wird seine Gänsekeulen erstmal nicht los, und Schauspielerin Marion Kracht bahnt sich mit dem Ruf „Vorsicht, heiß und fettig“ ihren Weg durch die Menge.
Denn die ist dicht, sobald einer der Prominenten auftaucht. Allerdings nicht wegen der Gäste, die sich von ihren Plätzen aus das Spektakel ansehen. Sondern wegen der Fotografen und Kameraleute, die jeden Promi beim Servieren begleiten. Da tobt das Blitzlichtgewitter um die bekannten Gesichter, und die, um die es eigentlich geht, sitzen erstmal im Dunkeln. Im Schatten des Wohltätigkeitsrummels, den mancher vor allem für seine eigene Publicity nutzen will. - Wie anscheinend Profiboxer Nikolai Walujew, der, nachdem er einmal für’s Foto zwei Teller an einen Tisch gebracht hat, den Rest des Abends lieber Interviews gibt.
„Viel mehr Prominente wollten mitmachen. Denen es nur um die eigene PR geht, haben wir abgesagt“, sagt Organisator Marcus Zander, Frank Zanders Sohn. Als eine Frau ihm anvertraut habe, dass sie, nachdem sie im Sommer fast gestorben ist, gesagt hat: „Aber ich muss doch zum Weihnachtsessen - meiner einzigen Verabredung im ganzen Jahr!“, habe er sehr schlucken müssen, erzählt Zander.
Nina Hagen sieht auf ihren zehn Zentimeter hohen Gummiabsätzen, den Weihnachtsbaum-Ohrringen und dem Jesus-T-Shirt aus wie ein fröhlicher Punk-Engel. Und sie bringt auch gleich eine Idee mit: „Ich fordere Hartz IV für alle Obdachlosen - und wenn sie eine Wohnung haben, ein Treuhand-Konto.“ Sie bestreitet mit mehreren Bands, Wolfgang Lippert, der Blue Man Group und natürlich auch Gastgeber Frank Zander bis zum Ende der Veranstaltung das umjubelte Bühnenprogramm. Die Gäste tanzen, lachen, reden, sie lassen sich sogar massieren oder die Haare schneiden. In diesen letzten Stunden findet dieser Abend doch zu seiner wahren Bestimmung – zahllose glückliche Augenpaare erzählen davon.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.12.2009)
Kommentare [ 15 ] Kommentar hinzufügen »
Anerkennenswert ist das Frank Zander dieses schon seit sehr vielen Jahren immer wieder organisiert. Dabei werden die Bedürftigen leider nicht weniger.
bin froh, dass unsere Familie noch funktioniert, auch, wenn es mal kracht (muss auch sein).
Bei uns zählt allerdings: einer für alle, alle für einen, und das ist gut so!!!
Sorry, Frau Hagen aber sie haben nichts von den Problemen der Menschen verstanden!
Hartz IV als Lösung? Hartz IV ist das Hauptproblem für Armut in dieser Gesellschaft.
Was glauben Sie denn, wieviele der Besucher im Bezug von Hartz IV sind und sich trotzdem zu Weihnachten kein Essen leisten können? Das Problem ist schon längst nicht mehr alleine die Obdachlosigkeit sondern die Armut. Bedürftigkeit hat in unserer Gesellschaft viele Gesichter.
ABER VOR DIESER VERANSTALTUNG ZIEHE ICH MEINEN HUT! das macht er ganz grossartig, und ich nehme ihm das auch ab, und die leute die dazu kommen auch. tue gutes und rede drueber - ist doch voll ok.
gaensekeule, rotkohl, kloesse -klasse.
frohe weihnachten!
aus asien, rotkohlfreie zone :-((
changnoi
Vor allem anerkenne ich die Ehrlichkeit, mit der Frank Zander diesen Menschen ein wenig fröhliche Weihnachtsstimmung im Verbund mit anderen Menschen vermittelt. Dafür großen Dank!
Frohe Weihnachten und guten Rutsch nach 2010, R.W.Just aus Dortmund
Danke Frank Zander!
ja, es ist wichtig das über dieses event, das frank zander übrigens seit 1995 veranstaltet, berichtet wird.
ob man allerdings massenhaft fotoreporter in den saal lassen sollte, die letztlich nur promis beim servieren abschießen wollen und denen zanders intention am ar*** vorbeigeht, lasse ich mal dahin gestellt.
Übrigens gibt es auch dieses jahr wieder viele institutionen, die gut erhaltenen wintergarderobe sammeln und an obdachlose verteilen.
Da er nicht erwähnt wurde, hatte er wohl eine andere wichtige Weihnachtsverabredung. Sonst ist er doch bei allen Blitzlichtveranstaltungen da.
Danke an Frank Zander und auch an das Hotel, das sich nicht zu fein für eine solche Veranstaltung ist.
Weihnachtliche Grüße vom Horster Dreieck
Tun Sie selbst was!
!!! Danke Frank !!!
Nicht wirklich, oder ?
Frohes Fest ins Exil
sehr gut.
Erschreckend ist die Zunahme an Bedürftigen (von ehemals 100 auf 2700 ),trotz oder besser
wegen Hartz4.
In Ordnung wäre es,wenn keine Tafeln (Über 1 Millionen Empfänger)
mehr nötig wären.
Heinz Buschkowsky konnte sich an den Abend direkt die Auswirkungen seiner Hartz4-Politik (SPD) ansehen.
Das Versagen der Politik ist leider ein Armutszeugnis im wahrsten Sinne des Wortes.
Nichts desto trotz happy new Year