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Vinyl-Laden

Hard Wax: Techno-Tempel im Kreuzberger Hinterhof

Seit 20 Jahren ist der Kreuzberger Vinyl-Laden „Hard Wax“ eine Institution. Hierher kommen DJs aus aller Welt, hier werden Trends befördert.
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Hier dreht sich die Platte. Am Paul-Lincke-Ufer findet man den Laden "Hard Wax", der 1989 gegründet wurde. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Das Hard Wax versteckt sich auf der dritten Etage eines Hinterhauses am Paul-Lincke-Ufer vor der Laufkundschaft. Trotzdem kommen Musik-Nerds aus ganz Europa nach Kreuzberg in den rauen industriellen Loft-Laden, wo Platten wie Ikonen an der Wand hängen und elektronische Musik eine religiöse Anziehungskraft entwickelt. Mitten im Laden hängt ein Plakat von Aphex Twin, dem „Mozart des Techno“. Ladenmanager Torsten Pröfrock und sein Team tragen hier regelmäßig 20 Kilo schwere Plattenkisten nach oben, weil der Fahrstuhl seit Wochen nicht fährt. In den Kisten finden sich keine alten Rolling-Stones-Platten, aber Berlins angesagte Club-Platten neben House- und Techno-Klassikern aus den späten 80er und frühen 90er Jahren. Ein Besuch im Hard Wax ist wie ein Einblick in die Geschichte des Techno.

Seit den frühen 90ern prägt die Technoszene das internationale Berlinbild. Der Hard Wax Record Store war von Anfang an dabei. 1989 gegründet, ist er so alt wie die Berliner Geschichte seit dem Mauerfall und damit Zeuge erster Stunde, als Berlin zur Stadt des Techno wurde. Damals hatte die CD die Musikwelt erobert, und die Platte rutschte auf die Liste der aussterbenden Arten unter allen Speichermedien. Dann eröffnete Mark Ernestus das Hard Wax, um Berlins vinylfixiertes Publikum zu versorgen.

Die knackende und knisternde Scheibe hat sich hier in einer Nische gestapelt, lange bevor der Bundesverband der Musikindustrie der LP das „Comeback des Jahres 2008“ attestierte. Vor der digitalen Sphäre zittert im Hard Wax keiner. Ladengründer Mark Ernestus erzählt gern die Anekdote, dass er schon bei der Eröffnung vor 20 Jahren gefragt wurde, ob ein Vinyl-Laden überhaupt Sinn mache. Macht er. In den 90er Jahren, als es noch kein gesichertes nachhaltiges Angebot für elektronische Musik gab, hatte man hier als einer der ersten europäischen Läden überhaupt rare US-Importe, Chicago House und Detroit Techno auf schwarzem Vinyl. Die für die Geschichte des Techno wichtige Tangente Detroit- Berlin geht auch durchs Hard Wax. Pröfrock, der seit 15 Jahren dabei ist, wird heute noch das Gefühl nicht los, dass er „die ersten Jahre als Kunde, als Fan, als Technofreak“ verbracht hat, „aber nicht als Angestellter“ des Hard Wax. Schnell wurde der Laden Magnet für Promi-DJs und Techno-Freaks.

Der Flur und die Panzertür zum Hard Wax lesen sich wie ein Gästebuch. DJs und Produzenten haben sich hier mit Stickern und Tags verewigt. In dem Plattenladen kann der Musiktourist vor lauter DJ-Prominenz schon mal Schwellenangst bekommen. Früher rieb man sich hier die Schulter mit Paul van Dyk, beim Plattenkauf beriet DJ Hell. Heute kauft DJ- Superstar Ricardo Villalobos seine Platten in dem Laden, oder Radiohead-Frontmann Thom Yorke kommt mal bei einem Berlinbesuch vorbei. Diese Verstrickungen hält Pröfrock für eher zufällig: „So ein explizites Werben mit den Namen, das macht man nicht, das ist ein bisschen unredlich.“

Dennoch kann man den Einfluss des Record Stores kaum überbewerten: Das Hard Wax und Berlins elektronische Community bilden in unzertrennlicher Symbiose Berlins Club-Biotop. Nicht zuletzt liegt das an den zurzeit acht Mitarbeitern des Hard Wax, sie jobben hier nicht einfach, sondern sie sind eng mit der Musikszene verzahnt. Drei Viertel der Hard-Wax-Mitarbeiter sind im Nebenberuf Produzenten oder DJs und legen regelmäßig im Berghain auf wie Marcel Dettmann. Einige heute berühmte Künstler, darunter Modeselektor, verkauften hier vor nicht allzu langer Zeit Platten. Torsten Pröfrock zählt zu Berlins innovativsten Techno-Produzenten, und Mark Ernestus gründete zusammen mit Moritz von Oswald in den 90ern mit Basic Channel und Chain Reaction zwei einflussreiche Techno-Labels.

Die Plattenladen-Institution setzt nicht unbedingt auf etablierte Stile. Was im Hard Wax ausgewählt wird, kann Trends befördern wie die aktuelle Allianz zwischen Techno und Dubstep. Es ist ein ehrlicher, kein protziger Laden. Innovatives wird hier mit Nostalgischem vermählt, vielleicht hat der Laden gerade deshalb das Zeug zum Klassiker. In einer Stadt wie Berlin, in der nichts konstanter als der Wechsel selbst ist, ist das Hard Wax mit seiner konstanten Pionierarbeit eine Art Anomalie. Das Hard Wax hat wie das Berghain viel dazu beigetragen, dass Berlin für eine vielseitige Technoästhetik steht.

Pröfrock ist sich bewusst, dass „Berlin eine Art Happy Island ist“. Als Partymetropole hat Berlin eine höhere Dichte an Musikschaffenden als andere Städte; es ist leichter, ein Publikum abseits des Populären zu finden. Aber ein bescheidenes Nischendasein führt der Laden nun nicht. DJs aus ganz Europa und teilweise Amerikaner, Australier oder Japaner nutzen den Mailorderservice des Hard Wax, der 50 Prozent des Gesamtgeschäfts ausmacht.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 21.07.2009)
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