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Krawatten

Die edle Seide von Kreuzberg

Die Firma Edsor Kronen fertigt seit 100 Jahren feinste Krawatten – in einem Hinterhof an der Skalitzer Straße. Der neue Juniorchef hat große Pläne.
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Die Firma Edsor Kronen gehört seit 100 Jahren zu Kreuzberg, der 27-jährige Jan Henrik Scheper-Stuke ist erst seit kurzem dabei, doch schon sehr stilsicher im Umgang mit den hochwertigen Seidenstoffen. - Foto: Mike Wolff
Der Hinweis könnte unauffälliger nicht sein. „Edsor Kronen“ steht auf einem verwitterten Messingschild in dem Kreuzberger Hinterhof in der Skalitzer Straße. Im Vorderhaus ist ein türkischer Grill untergebracht. In dieser Gegend der Stadt war lange das Epizentrum der Maikrawalle. Niemand käme auf die Idee, dass ausgerechnet von hier aus seit nunmehr hundert Jahren Europas Anzugträger mit edlen handgemachten Seidenkrawatten ausstaffiert werden. Edsor, das klingt so britisch, wie nach Edward Windsor, und wenn man so eine Krawatte im KaDeWe in die Hand nimmt, wiegt die Seide schwer auf der Hand, und im Etikett steht der Hinweis „Italian Silk, handmade“.

Seit Anfang des Jahres weht ein frischer Wind in diesem Hinterhof. Ach was „ein Wirbelwind“, murmeln die resoluten Kreuzberger Näherinnen respektvoll. „Ein Sturm!“
Fotostrecke: Krawatten von Edsor Kronen (11 Bilder)

Der Sturm sieht aus wie ein britischer Dandy, ist 27 Jahre alt und heißt Jan Henrik M. Scheper-Stuke. Er trägt einen selbst entworfenen Anzug aus braunem Sommertweed, dazu eine blaue Brille, ein fliederfarbenes Hemd mit weißem Kragen und eine seidene Schleife in vielen lila Karos. Die blonden Haare hat er akkurat nach hinten gegelt, in der Hand hält er einen Dachshaarpinsel, „weil ich immer was in der Hand brauche“. Aus jeder Pore atmet er so ziemlich das Gegenteil aller Kreuzberger Klischees, mit denen diese Ecke der Stadt behaftet ist.

Aufgewachsen ist er im feinen Internat Louisenlund, der jüngeren Schwester der Eliteschmiede Salem, war dort Schülerpräsident. Später hat er in Berlin Betriebswirtschaft studiert.

Zusammen mit dem 59-jährigen Patenonkel Günther Stelly, dem künstlerischen Kopf des Unternehmens, will er die Manufaktur nun mit Schwung ins 21. Jahrhundert bringen. „Hier lief ja alles noch wie in den 60er Jahren.“

Jetzt nicht mehr. Als erstes hat er WLAN eingerichtet, damit er überall mit dem Laptop auf Empfang gehen kann. 332 Fans hat das Unternehmen schon auf seiner neuen Facebook-Seite im Internet. Tendenz, wie alles hier, steigend. Der Blick aus dem Fenster des Showrooms fällt auf viel zu lange nicht gestrichenes Kreuzberger Hinterhoffassadenbraun. Innen stehen noch Art-déco-Möbel aus der Blütezeit des Unternehmens in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine mit schönem Samt bespannte uralte Polstergarnitur, des Patenonkels Sammlung Tiffany-Vasen, zwei Pferdeköpfe als Krawattenhalter. Aber im Notebook läuft ein wildes Musikvideo namens „In My Blood“ über den Schirm, das in diesen Räumen gedreht wurde, mit Jay ft. Nik Valentino und coolen Cocktail-Trinkern.

Die Veränderungen, die bei Edsor Kronen seit Anfang des Jahres stattgefunden haben, sind freilich noch wilder als das Video. „Ich liebe diese Manufaktur und das, was ich mache“, sagt Jan Henrik Scheper-Stuke. Das merkt man ihm an.

Rund 1600 Stoffe entwirft Günther Stelly, der Designer des Unternehmens jährlich, sie alle werden in einer Seidenfabrik in Como in Italien gefertigt. Neben Krawatten für Damen und Herren entstehen hier Schleifen („Fliege sagt man nicht“, meint der Juniorchef, „ die gibt’s nur in der Luft“), Schals und seit neuestem auch Kummerbunde für Damen und Herren.

Die Geschichte mit dem Kummerbund geht so. Eines Tages saß der junge Unternehmer im Pan Asia in Mitte, und nebenan saß Leyla Piedayesh, die Gründerin des erfolgreichen Labels Lala Berlin „mit ihrer Mädelsentourage“. Man kam ins Gespräch und darauf, dass man zur selben Party unterwegs war, zur Berlinale-Party von Boss. Partys sind für den jungen Unternehmer ideale Orte zum Netzwerken und Arbeiten. Das Ergebnis konnte das staunende Publikum während der letzten Fashion Week erleben. Der Mann von Welt trägt den Kummerbund nicht mehr nur zum Smoking sondern nun auch zu Jeans und Shorts, gern auch mal geblümt. Das ist mal eine ganz neuartige Antwort auf die Frage, was man eigentlich anziehen soll, wenn auf der Einladung als Dresscode „smart casual“ steht. Auch für modebewusste Ladys gibt es seitdem Kummerbunde.

Fast zärtlich streicht er über die Stoffe in den altmodischen Musterbüchern im 4. Stock. Die Musterbücher sollen auf jeden Fall bleiben, „die vermitteln uns das haptische Erlebnis, das ein Computer nicht bringen kann“.

Der junge Chef sagt von sich, dass er „eine richtige Partymaus“ sei. Er geht gern in Clubs, liebt das Cookies, fühlt sich aber auch im Weekend wohl, und verabredet sich gern zum Lunch bei Monsieur Vuong oder im Borchardt. Inzwischen zeigen auch Michael Michalsky und Wolfgang Joop ihre neuen Kollektionen mit Accessoires aus dem Hause Edsor Kronen. Er hat sie einfach angesprochen, wie er auch den Regierenden Bürgermeister angesprochen und ihn gebeten hat, künftig mehr Kreuzberger Krawatten zu tragen.

Übrigens hat der Juniorchef keinerlei Problem damit zu verraten, wofür „Edsor“ eigentlich steht. Das war eine Abkürzung für „Edle Sorte“. Die Goldenen Zwanziger waren die große Blütezeit des Unternehmens. Jetzt kommt offenbar die zweite Blüte. Mit dem Brillendesigner Dieter Funk hat er eine Kooperation verabredet. Ausgewählte Krawattenstoffe werden demnächst in dessen Brillen gepresst, dann kann man Brille, Schleife und Kummerbund passend kombinieren. Das gibt’s ab November. Mit Lala Berlin entsteht eine Kollektion von Vintagetüchern aus den schönsten Stoffen der letzten 30 Jahre. Man kann sie sehen in einem eigenen Raum, Stoffballen mit für ihre Zeit typischen Dessins, schöne Seiden mit Marienkäfern, Blümchen, Teddys, Herzen oder Streifen. „Manche sind älter als ich selber“, sagt Scheper-Stuke fast erstaunt.

Vielleicht wird er auch das optische Aushängeschild von Edsor Kronen, er weiß es noch nicht so genau, aber er posiert gern, hat diesen ernsten Blick drauf und liebt das Wort „authentisch“. Sein Gesicht wird sich einprägen, keine Frage. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er bei seiner Liebe zum Dandylook kein bisschen blasiert wirkt. In seiner maßlosen Begeisterung für die noch neue Aufgabe kommt er richtig nett rüber.

Er wohnt in Mitte in der Sophienstraße, findet seine derzeitige Wohnung aber zu laut und wäre beinahe nach Charlottenburg an den Lietzensee gezogen. Freunde überzeugten ihn, dass das gar nicht gegangen wäre. „Ich brauche den Pulsschlag.“ Ursprünglich kommt er aus Lohne. „Wir haben zu Hause Ländereien“, sagt er. „Da laufen echte Kühe rum.“ Seine Eltern haben ein Import-Export-Geschäft, das mal eben so 1000 Schweine von Argentinien nach Russland verschickt.

Bislang hat Edsor Kronen 15 Mitarbeiter in der Zentrale und 60 Heimarbeiter, die teils im Umland von Hand die Krawatten nähen. In Berlin gibt es sie zum Beispiel im KaDeWe zu kaufen, bei Peek & Cloppenburg und bei Wormland, aber im Versandraum stehen Pakete für viele Städte innerhalb und außerhalb des Landes. Eine halbe Million Seidenkrawatten gehen aus Kreuzberg jährlich in gehobene Geschäfte in ganz Europa, neuerdings auch nach Japan.

Wer Krawatten als Geschenk unoriginell findet oder einen ausgewiesenen Muffel missionieren möchte, könnte sich mit einer weiteren Neuerung anfreunden. Für 129 Euro kann man nämlich eine 90-minütige Führung durch die Manufaktur buchen. Inbegriffen ist eine handgefertigte Krawatte, deren Stoff man sich am Ort aussuchen kann. Für Touristen könnte das Knut-Motiv ein Hit werden. Aber auch ohne Führung kann man sich bei Edsor Kronen Accessoires nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen.

Draußen, auf der Skalitzer Straße, im Zentrum des alternativen und unprätentiösen Kreuzberg, sucht man das edle Tuch aus dem Hause Edsor Kronen noch vergebens. Aber das kann sich ja ändern. Wie so vieles, was der Mann mit dem Dachshaarpinsel in die Hand nimmt.

Führungen durch die Manufaktur können unter der E-Mail-Adresse besichtigung@edsorkronen.com angefragt werden. 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.08.2009)
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Comment
von theportcorner theportcorner ist gerade offline | 13.8.2009 9:35 Uhr
auch als Jurist der Knaller
ganz wichtig zu erwähnen bleibt: Der "Juniorchef" war auch als Jurist an der HU der Knaller. Besonders konnte er sich im Grundkurs "Staatsrecht I" bei Prof. Neumann mit seinem (Un-)Wissen beweisen. Leider, zur Unzufriedenheit vieler,the konnte er seine Gabe in der Folge nicht mehr den anderen Studenten der HU offerieren...
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von indianway77 indianway77 ist gerade offline | 13.8.2009 14:54 Uhr
Was hat der Beitrag mit dem Artikel zu tun?
[b][/b]Könnten Sie mir mal sagen, was das soll?
Sind Sie neidisch?
Oder finden Sie petzen immer noch klasse?
Comment
von kaleu kaleu ist gerade offline | 13.8.2009 17:33 Uhr
Ach was indianway77, ......
...theportcorner wollte uns nur eine weitere Seite des Juniorchefs zeigen, nämlich die des Juristen.
Die Fakten kennt er sowieso nicht, da sagt er einfach "zur Unzufriedenheit vieler". Weil er eventuell irgendwann, von irgendwem, der wiederum aus dritter Hand etwas von der Vita des Juniorchefs gehört hat, etwas ins Ohr geflüstert bekam.
Nun kann er auch mal was melden und fühlt sich gut.
Du kennst doch sicher die Geschichte von der Karavane die weiterzieht indianway, so verhält sich das hier auch.




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von netzleser netzleser ist gerade offline | 19.8.2009 10:27 Uhr
Klasse, in jeder Hinsicht.
Das hat Stil. Das hat Klasse.
Es ist positv hervorzuheben, dass es noch / wieder Unternehmer in Berlin gibt, die sich durch hochwertige Produkte auszeichnen und sich dadurch von der Masse unterscheiden.
Es ist recht schwer, einen wirklich schönen Binder zu finden. Hier wird man endlich fündig.
Wann beginnt die Manufaktur neben den Kummerbinden auch mit Hüten, Halstüchern, Handschuhen, Schuhen, Schirmen?
Wann eröffnen die ersten Boutiquen am Kurfürstendamm und am Gendarmenmarkt? Sie Zeit ist dafür reif. Wir Männer wollen wieder mehr Qualität und Chick.

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