Berlins Bildungssenator Zöllner plant einen radikalen Schnitt: Bei der Reform der Haupt- und Realschulen sollen von 120 Standorten nur 70 übrig bleiben. Haupt- und Realschulen sollen zusammengelegt und Ganztagsschulen ausgebaut werden. Und Zöllner will noch tiefer in die Schulstruktur eingreifen.
Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) will die Förderung der Berliner Kinder an mehreren entscheidenden Punkten verbessern. Neben der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen flächendeckend ab 2010 plant er zeitnah auch Reformen in Kita, Grundschule und Gesamtschule. Für die kommende Legislaturperiode empfiehlt Zöllner, die fusionierten Haupt- und Realschulen mit den Gesamt- und Gemeinschaftsschulen zu „Regionalschulen“ zu verschmelzen.
Falls Zöllner sich in der Koalition mit seinen Vorschlägen durchsetzen kann, werden sich die Bezirke ab sofort Gedanken über Schulschließungen machen müssen: Um eine bessere Schülermischung zu erreichen, soll es nur noch Standorte geben, die aus mindestens vier Parallelklassen („Zügen“) pro Jahrgang bestehen. Das bedeutet das Aus für etliche kleine Schulen, die zurzeit nur zweizügig arbeiten. Zöllner schätzt, dass von den jetzt rund 120 Real- und Hauptschulen nur etwa 70 Standorte übrig bleiben. Pro geschlossenem Standort würde das Land etwa 250 000 Euro an Unterhaltungskosten sparen – Geld, das beispielsweise gebraucht wird, um einen Ganztagsbetrieb zu finanzieren.
Wie stark die beiden Schultypen verschmelzen, soll nicht im Detail vorgeschrieben werden. Denkbar ist, dass die Schüler in Klasse sieben und acht zunächst alle gemeinsam unterrichtet und erst in Klasse neun und zehn je nach Leistung in den Hauptfächern aufgeteilt werden. Um starken Schülern die Chance zu geben, nach Klasse 10 das Abitur anzustreben, sollen die Haupt-/Realschulen mit den gymnasialen Oberstufen benachbarter Schulen kooperieren.
Durch die von Zöllner geforderte Abschaffung des Sitzenbleibens in der Haupt-/Realschule könnten erhebliche Mittel gespart werden, die in eine bessere Förderung der Kinder fließen sollen. Dazu könnte gehören, dass die Schulen eine Art Nachhilfeunterricht fest installieren, um Rückstände gezielt aufzuarbeiten.
Die Gesamtschulen sollen die Möglichkeit erhalten, alle Elemente der integrierten Haupt-/Realschule zu übernehmen. Außerdem will Zöllner den Gesamtschülern künftig die Möglichkeit einräumen, frei zu wählen, ob sie das Abitur in zwölf oder 13 Jahren ablegen wollen. Bisher werden sie gezwungen, den schnellen Weg zu gehen, wenn sie gute Leistungen erbringen. „Wir wollen die Situation entspannen, damit nicht alles im Stechschritt abläuft“, sagte Zöllner im Hinblick auf die Kritik am „Turboabitur“.
Und noch einen kritischen Punkt greift Zöllner auf: Die Förderung in den Klassen fünf und sechs der Grundschulen soll verbessert werden. Zu diesem Zweck müssen alle Oberschulen verbindliche Kooperationen mit Grundschulen eingehen. Ziel ist, dass Fachlehrer an beiden Schularten unterrichten. Auf diese Weise soll der Übergang von der Grund- in die Oberschule verbessert werden. Denkbar wäre auch, dass die „Flucht“ in die grundständigen Gymnasien abnimmt, wenn die Grundschulen in den oberen Klassen attraktiver werden.
Zu den Zielen, die Zöllner erst für die kommende Legislaturperiode ins Auge fasst, gehört ein verpflichtendes Vorschuljahr in der Kita. Sowohl in diesem Bereich als auch im Bereich der Praxisklassen erhofft sich Zöllner finanzielle Unterstützung vom Bund.
Die Grünen lobten Zöllners Hinwendung zum zweigliedrigen Schulsystem nach Hamburger Vorbild. Hingegen warnte die SPD-Bildungspolitikerin Felicitas Tesch vor einer „Zementierung“ der Zweigliedrigkeit. Die „Schule für alle“ müsse das Ziel bleiben.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.09.2008)
Kommentare [ 18 ] Kommentar hinzufügen »
Leider kann man es nur als naiv bezeichnen,
auf eine mittelfristig stabile Finanzierung zu vertrauen ...
Das Dilemma der Ganztagsgrundschulen (zu wenig Personal, zu wenig geeignete Räume) zeigt doch, wie erstaunlich schnell nach einer kurzen Phase der PR-wirksamen Finanzierung wieder die Knappheit Einzug hält.
Das so genannte nullte Schuljahr ist so einmalig nicht, da wir bis 2005 die Vorklassen an den Grundschulen hatten. Warum wird nicht auch der letzte Schritt getan . Die Vorklassen an den Grundschulen werden wieder eingeführt. Erzieher und Lehrer kooperieren stärker miteinander in Hinblick auf die Schulanfangsphase. Eventuell notwendige Rückstellungen innerhalb dieses Eingangssystems sind genauso möglich, wie ein "Aufrücken"in die nächste Stufe. Warum aber soll man damit bis 2014 warten ?
MfG
Und dass man an einer kleineren Schule besser lernt an einer großen, das müsste eigentlich auch bekannt sein ...
Die letzten "Reformen" sind weder umgesetzt noch erfolgreich, da fangen wir schon wieder das nächste Chaos an. Macht ja nix, im Zweifel ist man ja nicht mehr verantwortlich, wenn das Chaos sich Bahn bricht.
Nein, mit dieser Landesregierung ist kein Staat zu machen. Ich freue mich auf das neue Niveau unserer zukünftigen Schüler: alle gleich (schwach).
Danke!
Nun ist die Hauptschule eine Restschule. Sie hat in Berlin ungefähr so viele Schüler wie vor der Bildungsreform der 1960er Jahre das Gymnasium. Allerdings ging man damals gerne zum Gymnasium, weil hiermit eine hohe Reputation verknüpft war. Auch der Besuch der Hauptschule war damals in Ordnung, da nicht Ausdruck des Scheiterns.
Heute ist die Abschaffung der Hauptschule überfällig. Die flächendeckende Einführung der Gemeinschaftsschule oder, wie es früher hieß, der Gesamtschule ist vielleicht wünschenswert, aber derzeit keine Option. Nicht nur wegen des Eltern- und Wählerwillens. Man sollte ein Schulsystem nicht zu Tode reformieren, sondern Schritt für Schritt Reformen in Gang setzen, die von allen Beteiligten produktiv zu bewältigen sind.
Zöllners Zusammenführung von Haupt- Real- und Gesamtschule ist genau das, was jetzt fällig ist.
Unsere Schulversager versagen, weil sie in so schwierigen oder gar hoffnungslosen sozialen und kulturellen Verhältnissen aufwachsen.
Und weil diese Misere in den letzten Jahren größer geworden ist – Stichworte: Prekariat, Globalisierungsverlierer – deshalb ist auch die Bildungsmisere nicht kleiner geworden.
Leider wird diese Tatsache – aus ganz unterschiedlichen Gründen – von den bildungspolitischen Interessengruppen nicht gern gehört.
Wahrscheinlich auch deshalb, weil man sich dann nicht mit allerlei Reformen und der zehnten Erfindung des Rades profilieren könnte.
Viel Erfolg also!
Zällners Vorschläge sind genau die richtigen Schritte. Aber: Die Reduzierung der Schulgebäude wird überhaupt nicht funktionieren. In Friedrichshain warten alleine schon jetzt mehr als 900 Kinder auf einen Kita-Platz und in PrenzlBerg quillen die Schulen über vor Neubewerbern, weshalb auch neue Grundschulen gefordert werden. Die Schulplätze werden auch in Zukunft nicht reichen und erst recht nicht, wenn man soviele Schulstandorte schließt! Es kostet mehr, Standorte zu schließen, um sie nach ein paar Jahren wieder zu öffnen.
Uns scheinen unsere Kinder nicht viel wert zu sein.
Dieser Gemeinplatz darf als bekannt vorausgesetzt werden. Es fehlt noch immer an der Bereitschaft, ihn umzusetzen. Hierzu ist mehr Geld erforderlich, als bisher in die Erziehung und Bildung bildungsferner Kinder und ihres sozialen Umfeldes in Form von professioneller sozialpädagogischer Gemeinwesenarbeit gesteckt wird.
Zudem fehlen nach wie vor Erzieher, Lehrer und Pädagogen, die die Qualifikation hätten, Kinder aus bildungsfernen Haushalten mit Migrationshintergrund und ihr soziales Umfeld so zu fordern und zu fördern, dass die Wirkungen erzielt werden, die erzielt werden sollen.
So lange sich das nicht ändert, bleibt das Fordern von Fordern und Fördern so geistreich wie die Aufforderung an den Autofahrer, Gas zu geben, obgleich bekannt ist, dass kein Benzin im Tank ist.