A 100 : Linke sieht Nachbarkieze auf der Verliererstraße

Welche sozialen Folgekosten entstehen beim Bau von Stadtautobahnen? Der Weiterbau der Autobahn A 100 würde die soziale Lage verschlechtern, beruft sich die Linke auf eine aktuelle Studie.

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Schneise der Armut? Wer an der Stadtautobahn oder den verkehrsreichen Straßen wohnt, gehört nach einer Studie der Linkspartei oftmals zu den sozial Benachteiligten der Gesellschaft.
Schneise der Armut? Wer an der Stadtautobahn oder den verkehrsreichen Straßen wohnt, gehört nach einer Studie der Linkspartei...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vor dem Bau von Stadtautobahnen oder breiten Straßen durch Wohnquartiere müssen nach Ansicht der Linken im Bundestag auch die sozialen Auswirkungen für die Anwohner und die Folgekosten ins Genehmigungsverfahren mit einfließen. Eine von der Bundestagsfraktion der Linken in Auftrag gegebene Studie habe bestätigt, dass an solchen Schneisen am Ende vorwiegend Ärmere oder Arbeitslose lebten, sagte am Freitag die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch. Diese Forderung gelte auch für den geplanten Weiterbau der Stadtautobahn A 100 vom Dreieck Neukölln zum Treptower Park. Die Stadtentwicklungsverwaltung wies den Vorstoß zurück.

Wenn nach dem Bau solcher Straßen am Ende einer „leisen und schleichenden“ Entwicklung als Anwohner fast nur noch Ärmere und Arbeitslose übrig blieben, müsse viel Geld in die Hand genommen werden, um die „verfehlte Stadtpolitik“ durch Programme wie die „Soziale Stadt“ zu korrigieren, sagte Heidrun Bluhm, die Verkehrsexpertin der Linken in der Bundestagsfraktion. Diese Kosten müssten auch im Planfeststellungsbeschluss für neue innerstädtische Straßen berücksichtigt werden.

Zu den Auswirkungen solcher Schneisen durch die Stadt habe es bisher noch keine Studien gegeben, sagte Sigmar Gude von dem Berliner Büro Topos. Es hatte Anwohner der Stadtautobahn am Bundesplatz in Wilmersdorf sowie vergleichend am Ruhrschnellweg in Essen befragt. Hinzu kamen Untersuchungen an der Prenzlauer Allee, der Schönhauser Allee, der Greifwalder Straße und der Danziger Straße in Prenzlauer Berg. Unterschieden wurde dabei in Bewohner der ersten und zweiten Reihe.

Das Ergebnis: Je näher die Wohnungen an solchen Straßen liegen, desto höher ist der Anteil ärmerer Haushalte oder arbeitsloser Bewohner. Auch der Instandhaltungszustand der Häuser nehme mit zunehmender Nähe zur Stadtautobahn ab, sagte Gude. Gleichzeitig erhöhe sich der Leerstand, obwohl die Mieten nicht besonders niedrig seien. Die schlechtesten Werte gebe es dabei für die erste Reihe. So sei das Einkommensniveau der Bewohner am Bundesplatz in der ersten Reihe um etwa 25 Prozent geringer als bei den Betroffenen in der zweiten Reihe.

Lärmschutzmaßnahmen verringerten die Belastungen nur zum Teil, sagte Gude weiter. Am Bundesplatz hätten zudem nur 26 Prozent der Gebäude überall Lärmschutzfenster.

Dieser Abschnitt der Stadtautobahn sei in den 60er Jahren gebaut worden, als Lärmschutz für Anwohner noch keine besondere Rolle innehatte, erwiderte der Sprecher der Stadtentwicklungsverwaltung, Mathias Gille. Auflagen zum Lärmschutz habe es kaum gegeben. Heute würden neue Trassen anders geplant. Beim vorgesehenen Weiterbau der Stadtautobahn A 100 habe man die Strecke zum größten Teil weg von Wohngebäuden gelegt. Vier Häuser müssten allerdings trotzdem abgerissen werden und deren Bewohner weichen. Für verbleibende Anwohner weiter weg gebe es durch den Autobahn-Bau keine negativen Auswirkungen, wie Studien der Verwaltung auch zur Sozialverträglichkeit ergeben hätten.

Ziel sei es vielmehr, Verkehr aus benachbarten Wohnstraßen abzuziehen. Ob dies so gelingt, bezweifeln allerdings Kritiker des Baus. Sie befürchten, dass der Verkehr in Straßen, die zur Autobahn führen, erheblich zunehmen wird.

Auch wenn der Autobahn-Bau vorwiegend durch den Bund finanziert werde, seien die Folgekosten für Quartierprogramme für das Land sehr hoch, sagte Lötzsch. Statt neue Straßen zu bauen, solle der Autoverkehr reduziert und der Nah- sowie der Radverkehr ausgebaut werden, fordern die Linken. Die vorgesehenen rund 440 Millionen Euro für den 3,2 Kilometer langen Neubauabschnitt der A 100 könnten „sinnvoll“ umgeschichtet werden.

Anwohner profitierten nur selten vom Straßenbau vor ihrer Nase, ergänzte Bluhm. Je näher die Wohnungen an den Autobahnen liegen, desto seltener besäßen die Bewohner laut Studie ein Auto.

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