Berlin : Aaron Nikolaus Rämer (Geb. 1992)

Am Handgelenk ein schwarzes Band, das auch seine Freunde tragen.

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Der Kleinste wurde der Größte, 195 cm. Jan, Adam, Jakob, Aaron, die JaJa-Brüder-Rämer, unzertrennlich. Nun fehlt das letzte a.

Die Brüder waren dabei, bei seiner Geburt. Aaron kam zu Hause auf die Welt, und kaum konnte er krabbeln, kletterte er auch schon. Immer überall rauf und runter. Keine Angst vor nichts und niemand. Naturkind, Hüttenbauer, Dompteur: Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen, Rennmäuse. Und natürlich sein absoluter Liebling, ein kleiner brauner Labrador, Lucky, ein Blindenhund, denn die Mutter verlor das Augenlicht.

Wenn die Mutter nichts sieht, heißt es: Obacht geben, Gläser nicht an den Tischrand stellen, Laufwege von herumliegendem Spielzeug freihalten, Schränke schließen, Türen ganz auf oder zu, Umsicht.

Wenn die Mutter nichts sieht, beurteilt sie die Freunde nicht nach dem Aussehen. Vorurteilsfrei an Menschen herangehen, das hat er von seiner Mutter im Großwerden mit der Blindheit gelernt. Dass man nicht nur mit den Augen sieht.

Ein altes Bauernhaus am Buckower Damm war Aarons Zuhause, die Scheune dahinter ist der Jugendtreff fürs ganze Quartier, komplett ausgestattet mit Bar, Sportgeräten, X-Box, und ständig in Renovierung.

Buckower Damm, links der Britzer Garten, rechts Gropiusstadt. Entsprechend bunt war sein Freundeskreis, Punks, HipHopboys, Straßenkinder, Heimatlose zählten dazu, für sie alle war die Scheune eine Anlaufstation.

In der Schule lief es nicht ganz so einfach, mit den Freunden schon, mit den Lehrern nicht immer. Das Handwerkliche war sein Ding, er wollte Dachdecker werden, die Welt von oben sehen.

In seinem letzten Sommer, auf seiner letzten Reise nach Rimini, hat er sich in eine Mitschülerin verliebt. Sonnenuntergang am Meer, stundenlang sitzen, reden, von neuen Horizonten träumen. Geduscht und trallalla, bevor sie kam Bett frisch bezogen, Zimmer aufgeräumt. Es lief gut in der Liebe, in der Familie, mit den Kumpels. Er war glücklich.

An einem Sonntagnachmittag im Herbst kam er von einer Lan-Party nach Hause, leicht angeschlagen. Er hatte einen Schnupfen, mehr nicht. In der Nacht wurde ihm übel, grippaler Infekt dachte jeder zunächst, Verdacht auf Schweinegrippe. Dann kamen die Flecken, die Blutgerinnung stoppte, da war es schon zu spät. Er lief noch allein die Treppe hinunter zum Krankenwagen. Am Montagabend lag er auf der Intensivstation.

Meningokokken, Tröpfcheninfektion, Sepsisschock. Nicht nur das Blut wird vergiftet, sondern alle Organe. Innerhalb weniger Stunden. Keine Antwort auf die Frage, warum. Er hätte sich überall anstecken können, ein böser Zufall.

„Die legen mich jetzt ins künstliche Koma“, war das Letzte, was er zu seinem Bruder Jakob sagte, völlig angstfrei, ganz normal. Donnerstagvormittag starb er. Er hat länger durchgehalten als die meisten, aber es wäre nicht mehr sein Körper gewesen, ohne Beine, immer an Geräten. Die Familie war bei ihm. Darauf hatte er gewartet, dass alle bei ihm waren. Zwei Tage Todeskampf.

Der Sarg wurde geschlossen, keiner sollte einen Blick auf ihn werfen. Er war nicht mehr der, der er gewesen war.

Er trug seine Lieblingsjeans, Basketball-T-Shirt, Neukölln-Pullover. Am Handgelenk ein schwarzes Band, das auch seine Freunde tragen. Sein goldenes Kreuz trägt heute sein Bruder für ihn.

Ein weißer Sarg, und jeder durfte auf dem Sarg einen Abschiedsgruß hinterlassen, in allen Farben. In der Britzer Dorfkirche wurden Lieder gespielt, die er auf seinem MP3-Spieler hatte. „Say Hallo, Wave Goodbye.“

Der Trauerzug führte auf seinem Schulweg entlang, der Weg, den er immer gegangen ist, der Nachhauseweg. Hinter einer Kutsche her. Der Zug führte durch sein Viertel, und jeder hat aufgemerkt. Die Autos hielten an, zehn Minuten Stillstand, keiner hat gehupt.

Dann wurde er zu Grabe gelassen. Von der Anschrift her hat sich nur die Hausnummer geändert.

Aaron wurde nicht einmal 17 Jahre alt. Wenig Leben. Mehr als viele je hatten. Denn er war immer in der Liebe der anderen geborgen. Gregor Eisenhauer

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