Berlin : Ab 22 Uhr darf draußen nicht mehr bedient werden

Verwaltungsgericht entscheidet in Friedrichshainer Kneipenstreit – und schlägt eine Lösung vor: weniger Tische

Jan-Martin Wiarda

Der Abend verspricht, lauschig zu werden, bei 30 Grad im Schatten. Anja Seugling und ihre Cousine Doreen Wagner sitzen vor dem „Papaya“ an der Krossener Straße und warten auf ihr Essen. Anja, 23, kommt oft her nach der Arbeit. Sie wohnt ein paar Straßen weiter. Wer thailändisch mag, ist im „Papaya“ richtig, sagt sie. Und so ein Sommerabend mitten im Friedrichshainer Kiez, der habe doch was.

Im Augenblick ist Anja allerdings ein bisschen genervt. Gerade hat sie von der Entscheidung des Verwaltungsgerichts erfahren, dass die Kneipen und Restaurants an der Krossener Straße und der Gabriel-Max-Straße nur noch bis 22 Uhr draußen Gäste bedienen dürfen. Allerdings gilt der Beschluss nur für die beiden genannten Straßen: Nur dort hatten sich Anwohner über den Lärm beschwert und Eilrechtsschutzanträge gestellt. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hatte den Gaststätten erlaubt, wochentags bis 23 Uhr und am Wochenende bis Mitternacht Tische im Freien aufzustellen – rechtswidrig, befand das Gericht. „Die Entscheidung führt dazu, dass die Leute nicht mehr kommen“, sagt Anja. „Jetzt im Sommer gehe ich doch nicht um zehn nach Hause.“ Ihre Cousine, zu Gast aus Thüringen, ergänzt, dass sie daheim in Meiningen von derlei Regeln noch nichts gehört habe.

Nebenan in der „EmBar“ gibt es Cocktails und einen aufgebrachten Chef. „Berlin als Weltmetropole, das war mal“, sagt Celebi Yüksel. „Dank der neuen Zeiten muss ich noch mehr Mitarbeiter entlassen.“ Von den Klägern hätte sich bei ihm nie jemand blicken lassen. Warum auch, schließlich hätten sie sich in der „EmBar“ an die Lärmvorschriften gehalten: Auf jedem Tisch klebt ein Hinweis an die Gäste, bitte nicht zu laut zu sein. Das Verwaltungsgericht hat zwar dazugesagt, dass bei verringerter Sitzzahl jedes Lokal einen Neuantrag auf Sondererlaubnis stellen könne, doch davon hält Yüksel nichts. „Ich habe noch 14 Tische. Wo soll ich denn da einsparen?“

Schräg gegenüber, im „Shisha“, steht der 35-jährige Thomas Hörnlein hinter der Bar und schenkt Drinks ein. Er betrachtet die ganze Angelegenheit weniger von der wirtschaftlichen und mehr von der kulturpessimistischen Seite. „Heute gibt es hier nur noch Sehen und Gesehen werden, das geht mir voll auf den Keks“, sagt er. „Der Kiez hat sich in den letzten Jahren total verändert. Friedrichshain hat verloren. Heute ist alles gerade, alles steril.“ Friedrichshain sehe schon aus wie Mitte.

Tatsächlich wird einigen Friedrichshainern der Auflauf gestylter Partygänger zu viel. Catrin Rackow, die in der EmBar verabredet ist, überlegt wegzuziehen: „Das ist nicht mehr schön. Auf dem Boxhagener Platz sieht es am Wochenende aus wie auf einer Massendemo.“

Vor dem „Shisha“ haben sich Jennifer Schulz und Philip Hillebrecht niedergelassen. Jennifer, 27, sagt, sie finde die Regel „doof“, weil sie viel vom Stadtgefühl wegnehme. „Aber ich kann umgekehrt verstehen, dass die Anwohner keine Lust haben auf Party jede Nacht.“ Philip, 27, ist gerade aus Marseille zurückgekommen. Das Nachtleben dort sei eben doch ein anderes, sagt er: „Da spielen sie nachts um zwei draußen Fußball, und keinen stört’s.“

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