Berlin : Ab Freitag sind die Skulpturen von Eberhard Fiebig im Wasserturm zu sehen

Michael Brunner

Mit dem langen Zopf und dem schicken Anzug sieht der Bildhauer Eberhard Fiebig aus wie eine Mischung aus Rockstar und Jazzpianist. Sein Haar ist zwar grau, aber alt wirkt der Mann nicht. Zwar steht sein 70. Geburtstag kurz bevor, doch Fiebig steckt voller Kraft. Seine Zuversicht wirkt amerikanisch, er hat genug Pläne für zehn Jahre und hinter ihm liegen sieben Jahrzehnte, in denen er sich als Holzfäller, Laborant, Journalist, Bildhauer, Maler, Möbeldesigner, Hochschullehrer und Grafiker betätigt hat.

Fiebigs Schuhe sind voller Lehmspritzer. Auf dem Weg in die Galerie am Wasserturm in der Rykestraße 2 musste er an diesem Donnerstagvormittag eine ziemlich schlammige Baustelle überqueren. Drin wird gerade Fiebigs Ausstellung "happy metal" (Vernissage heute um 19 Uhr 30) aufgebaut. Für die Männer von der Transportfirma ist es eine echte Herausforderung, Fiebigs Skulptur "Liwan" mit schwerem Gerät in die Galerie zu bugsieren. "Liwan" ist ein tonnenschweres Gebilde, das Fiebig 1994 aus mächtigen Stahlträgern zusammengeschweißt hat. Er klopft sich etwas Bauschutt vom Ärmel. Am Nachmittag wird er sich einen Kittel anziehen und "Liwan" frisch mit roter Farbe anstreichen.

Fiebig ist ein "Selfmademan", der schon als Kind sehr neugierig war. Er ging ins Arbeitszimmer seines Vaters und betrachtete durchs Mikroskop die Welt im Kleinen. Er präparierte Vögel und Fische, baute sich ein Herbarium. 1945, nach Kriegsende, verließ er mit seinen Eltern Berlin in Richtung Lüneburger Heide und wurde Landwirt. Ein Jahr lang schlug er sich als Vertreter für abwaschbare Tischdecken durch. 1955 entstand seine erste Skulptur, eine Frauenfigur mit Kindern. Fünf Jahre später gab er seinen Job als Laborant auf und lebte fortan als feier Bildhauer. Dies mit großem Erfolg, wie zum Beispiel seine Werke in Frankfurt und Kassel zeigen. Er faltete riesengroße Bleche aus Stahl und schuf auf diese Weise Skulpturen, die wie vom Himmel gefallen aussehen und ganze Plätze beherrschen. Fiebig war in der Schule einmal sitzengeblieben und hatte mit Ach und Krach die mittlere Reife geschafft. Dies hinderte ihn aber nicht, bei Adorno, Horkheimer und Habermas Philosophie zu studieren. 1974 wurde er als Professor an die Universität Kassel berufen. Es war 1986, als er mit Weggefährten das Atelier "art engineering" gründete.

Eberhard Fiebig hat die Technikfeindlichkeit der deutschen Intellektuellen nie geteilt. Zum Entwerfen setzt er sich ganz selbstverständlich an den Computer, wie das Architekten und Ingenieure tun. Doch Fiebig ist ein Avantgardist der Computerkunst. Bereits 1967 hat er das Deutsche Rechenzentrum überredet, mit einem zimmergroßen Rechner "virtuelle Bleche" aus Stahl zu falten. "Damals kam nur Quatsch raus, erst später wurde es besser", sagt Fiebig und schaut auf den Computerbildschirm im Büro. "Mensch, ist diese Schrift aber klein" sagt er, greift zur Maus und setzt sein goldenes Binokel auf die Nase.Vernissage heute um 19 Uhr 30, Galerie am Wasserturm, Rykestraße 2, Prenzlauer Berg

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