Berlin : Ab in die Grube

Der Kopf ist im Sand, doch Teile des im Köpenicker Wald vergrabenen Lenin-Denkmals liegen frei. Jetzt steht ihm ein neues Begräbnis bevor

Stefan Jacobs

Thälmann hat, was Lenin fehlte: eine Überlebensader im Bauch. Das Monument des ermordeten KPD-Chefs an der Greifswalder Straße konnte im Eifer der Nachwendezeit nicht abgerissen werden, weil eine Wärmeleitung durch den Koloss verläuft. Der 19 Meter hohe Granit-Lenin an der Landsberger Allee dagegen wurde – mit gewaltigem Aufwand und unter Protesten von Fans und Historikern – abgebaut, in mehr als 120 Einzelteilen in den Köpenicker Forst gebracht und später dort verbuddelt. Fast elf Jahre ist das her. Jetzt steht sein „Grab“ wieder offen.

Mit dem Film „Good bye, Lenin!“ ist der Vater der Oktoberrevolution rund sechs Millionen Kinobesuchern in Erinnerung gerufen worden. Doch der Weg zu seinem Denkmal ist verschlungen. Man muss durch tiefen Wald und über steile Böschungen, um zu dem Sandberg zu gelangen, unter dem es begraben liegt. An einer Stelle ist der dürftig mit Gras bewachsene Hügel aufgewühlt; ein rötlich schimmerndes Rund mit Stahlverstrebungen aus dem Inneren des Denkmals ragt heraus. Daneben eine polierte Platte mit angenagten Kanten, die wohl vom Sockel stammt. Wind und Wetter hätten Lenin freigelegt, sagen die Behörden. Mauerspechte waren es, sagen die Fans von der Bürgerinitiative Lenindenkmal, die von Zeit zu Zeit nach dem Übervater sehen. Sie fürchten sogar, dass Lenins Kopf längst gestohlen wurde. Aber sie wissen es nicht. Klar ist nur, dass der Revolutionär bald wieder zugeschüttet werden soll. Vielleicht wird seine Ruhestätte diesmal sogar bepflanzt, damit die Erde ihn nicht wieder freigibt.

Die Finanzierung des neuerlichen Begräbnisses sei gesichert, sagt Petra Reetz, Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung. Nur das Wie müsse noch geklärt werden, weil man in dem Natur- und Wasserschutzgebiet nicht mit der großen Planierraupe anrücken wolle, sagt Reetz und versichert, dass die „Gebeine“ aus ukrainischem Marmor-Granit vollständig seien. Schon das Material sei „enorm wertvoll“ und schützenswert.

Zuständig für Lenins Bewachung war bis vor kurzem ausgerechnet Marx. Karl-Heinz Marx, Oberförster. Der jetzt fürs Revier zuständige Kollege gibt Grabräubern keine Chance: „Die Blöcke wiegen mindestens zehn Tonnen pro Stück. Wenn man die auf einen Kleinlaster laden würde, bliebe der bis ans Ende seiner Tage an dieser Stelle stehen.“ Die einzige Zufahrt ist durch ein Tor gesichert, ansonsten kommt man nur zu Fuß an die Stelle. Auch das von der Bürgerinitiative Lenindenkmal gestreute Gerücht, jemand habe eine Spundwand gesetzt und Teile per Kran weggehievt, glaubt er nicht. „Es gab da nur mal einen Obdachlosen, der eine Kuhle gemacht und Matratzen hingelegt hat. Aber der hat auch nicht tief genug gegraben.“

Demnach müsste Lenin sein bevorstehendes zweites Begräbnis in Gänze erleben. Theoretisch könnte er auch wieder aufgestellt werden, zumal die Demontage des Denkmals nach Ansicht der Stadtentwicklungsverwaltung „städtebaulich eine tödliche Entscheidung gewesen ist“. Auch Stadtplaner monieren, dass das anstelle des Denkmals gebaute Brünnlein für den Platz der Vereinten Nationen – den früheren Leninplatz – zu mickrig geraten ist. Doch wer ihn vermisst, darf trotzdem nicht nach ihm buddeln: Laut Landeswaldgesetz ist das Graben im Waldboden – egal, ob nach Wurzeln oder Lenin – eine Ordnungswidrigkeit.

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