Berlin : Ab jetzt hitzefrei

Es wird Herbst in Berlin – und es gibt viele Gründe, sich darüber zu freuen

Sebastian Leber

Ewald Gerhardt hofft, dass das mit dem Sonnenschein und der Hitze endlich ein Ende hat. Er freut sich auf den Herbst. Auf sinkende Temperaturen und besonders auf den Regen. Nein, der Mann ist nicht krank. Er hat einfach gerne Gesellschaft. Ewald Gerhardt ist Mykologe, also Pilzkundler. Und drei Mal pro Woche bietet er im Botanischen Museum der Freien Universität seine Dienste an. Da kann jeder Berliner vorbeischauen und Gerhardt seine gesammelten Pilze zeigen. Und der sagt dann, welche man essen kann und welche besser nicht. 1400 Sorten wachsen im Stadtgebiet. Theoretisch, wenn es endlich wieder regnen würde.

Jeder Sommer muss mal enden. Selbst ein WM-Sommer. Laut Kalender hat der Herbst bereits am vergangenen Sonnabend begonnen, nur hat das bisher niemand bemerkt. Vielleicht wird sich das diesen Sonntag beim Erntedankfest ändern – jeder weiß doch, dass Erntedank im Herbst gefeiert wird. Die einen gehen morgens in die Kirche, die anderen besuchen eines der vielen Feste auf Bauernhöfen in und um Berlin (siehe Kasten). Manche spazieren auch durch den Grunewald und sammeln nicht Äpfel und Kartoffeln, sondern Blätter und Tannenzapfen. In Berlin darf man das trotzdem Erntedankfest nennen.

Was für die Pilzsammler der Regen, ist für die Mitglieder von „Aero-Flott“ der Wind. Die 20 Männer und Frauen vom Berliner Drachenbau-Club treffen sich jetzt regelmäßig in verschiedenen Parks der Stadt und lassen ihre Lenkdrachen steigen. Und geben Anfängern gerne Tipps, Neulinge sind willkommen.

Dass der Herbst die ideale Jahreszeit ist, findet auch Manfred Reschke. Und zwar zum Spazierengehen, oder noch besser: zum Wandern. Reschke ist Sprecher des Berliner Wanderclubs, jedes Wochenende bietet sein Verein Führungen im Brandenburger Umland an. Reschkes Geheimtipp: mit dem Auto nach Köthen bei Märkisch Buchholz fahren und dort um die fünf kleinen Seen herumlaufen.

Genauso gut könne man aber auch durch Berlin wandern, sagt Reschke. „Die Stadt ist durchzogen von Parks. Wer seine Strecke clever wählt, läuft quer durch Berlin und bleibt trotzdem immer im Grünen.“ Da gibt es zum Beispiel die Route vom Glienicker See zum Tiergarten und weiter zum Müggelsee – nur in Mitte muss man ein paar hundert Meter über Asphalt. Und zwischendurch übernachten, an einem Tag schafft man die Strecke kaum. Das Tolle am Wandern? „Die Entspannung, das Abschalten, das Wohlfühlen.“ Außerdem nimmt Reschke gerne seine Frau mit – denn Wandern sei eine „Art Paartherapie“. Nirgendwo könne man eheliche Differenzen so geschickt beseitigen, findet er. „Erstens, weil man sich beim Unterhalten nicht andauernd in die Augen schaut. Und zweitens, weil man wunderbar ablenken kann, wenn es brenzlig wird. Etwa: Guck mal, da drüben der Baum.“ Wer trotz dieser Vorzüge nicht wandern will und auch keine Pilze und Lenkdrachen mag, braucht nicht zu verzweifeln. Ab heute noch 175 Tage, dann ist Frühlingsanfang.

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