Berlin : Ab über die Mitte

Behalten Sie den Überblick: Ein Bildband zeigt die Quartiere der Innenstadt aus 200 Metern Höhe

Falk Jaeger

Eine Stadt aus der Vogelperspektive zu betrachten, hat die Menschen schon immer fasziniert. Aussichtspunkte wie Eiffelturm, London Eye oder Empire State Building, in Berlin Funkturm, Fernsehturm und Panorama am Potsdamer Platz, gehören zu den jeweils beliebtesten Attraktionen der Stadt. Erst der Blick von oben erklärt manche Zusammenhänge, die dem Flaneur auf der Straße verborgen bleiben.

Noch besser ist das Häusermeer im Modellmaßstab auf Rundflügen zu erleben oder – für Menschen mit Flugangst – beim entspannten Blättern im Bildband.

Berlin aus der Luft ist durchaus kein seltenes Buchthema. Der „Luftbildatlas Berlin-Mitte“ stellt sich in diese Reihe von Bildbänden mit dokumentarischem Charakter, die vor allem als Abfolge von Zeitschnitten der Stadtentwicklung interessieren. Gerade die Wandlungen der Stadt können aus der Vogelperspektive präzise verfolgt werden.

Ein Atlas ist es freilich nicht, was der Architekturpublizist und Verleger Philipp Meuser hier vorlegt, vielmehr eine Abfolge von 120 ganzseitigen, sehr detailliert wiedergegebenen Fotos, die er während eines Hubschrauberfluges am 17. Juli vergangenen Jahres im Bereich zwischen City West und Mitte aufgenommen hat.

Aus einer Höhe von 200 Metern schweift der Blick über den Alexanderplatz, Auge in Auge mit der – acht Tage nach dem WM-Finale – noch als Fußball kostümierten Kugel des Fernsehturms, verrät beim Nikolaiviertel, was wirklich alt und was neu-alt ist, beobachtet eine Demo auf dem Pariser Platz, schaut neugierig in den geheimen Hof der amerikanischen Botschaft, stört sich am auch aus dieser Höhe zu kurzen Dach des Hauptbahnhofs und erfasst zum ersten Mal den sonst im unzugänglichen Park verborgenen eindrucksvollen Ovalbau des Bundespräsidialamts.

Wiedererkennen und neu begreifen von Altvertrautem heißt das kurzweilige Spiel. Dabei ergeben sich aus inselhaften Erinnerungen der Stadtsituationen die großen Zusammenhänge, werfen aber auch manche Aspekte neue Fragen auf, die der Passant auf Straßenniveau nicht wahrnimmt. Warum zum Beispiel der Sportplatz in der Spandauer Vorstadt so merkwürdig quer eingezwängt zwischen allen Häusern liegt? Hier helfen die beigegebenen detaillierten Ausschnitte der Stadtkarte im Maßstab 1:5000 (mit Eintrag der Fotonummern), denn beim Mustern der Grundstücksgrenzen wird klar, dass der Sportplatz quer über der diagonal verlaufenden Kleinen Hamburger Straße liegt, von der man 14 ehemalige Grundstücke beiderseits der Straße besetzt hat.

Viele glasüberdachte Innenhöfe und Lichtkuppeln sind entstanden – die Galeries Lafayette haben gleich zehn davon. Zu wenige Dächer sind begrünt. Und auch wo auf der größten Baustelle der Stadt bis 2011 450 Millionen Euro verbaut werden, ist nur von oben zu sehen: Im Hof der Staatsbibliothek Unter den Linden stehen zwei der inzwischen seltener gewordenen Baukräne.

— Philipp Meuser: Luftbildatlas Berlin- Mitte – Zwischen Alexanderplatz und Zoologischer Garten. Dom Publishers, Berlin. 144 Seiten mit vielen Abbildungen, inklusive CD-ROM mit allen Bildern, 48 Euro.

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