Berlin : Abenteuer im Schleusenland

Der wiederhergestellte Werbellinkanal macht eine ganz neue Hausboottour von Marienwerder in die Schorfheide möglich.

Langsam voran. Im Kajütboot den Werbellinkanal entlangzutuckern bringt schon absolute Entspannung. Schleusen passieren auch Ungeübte nach den ersten paar Mal sicher. Foto: Claus-Dieter Steyer
Langsam voran. Im Kajütboot den Werbellinkanal entlangzutuckern bringt schon absolute Entspannung. Schleusen passieren auch...

Werbellinsee - Das Hausboot stößt etwas unsanft gegen die Mauer der Schleuse. Doch der Schaden ist kaum zu sehen. Schließlich sind wir mit einem „Eisenschwein“ oder „Bügeleisen“ unterwegs, wie die stählernen Konstruktionen der Kormoran-Serie scherzhaft genannt werden. „Ein paar Kratzer mehr fallen nicht auf“, sagt Jennifer Burghardt vom Verleiher Kuhnle-Tours zur Beruhigung. „Im Laufe der Saison kommen mit Sicherheit noch Beulen und Schrammen hinzu.“ Denn der Großteil der Hausboote wird an Kurzurlauber ohne Bootsführerschein verliehen. Trotz rund dreistündiger Einweisung fällt die Beherrschung des Bootes gerade am Anfang und in den ersten Schleusen nicht ganz leicht. Außerdem gehört die Strecke zwischen dem historischen Finowkanal, dem Werbellinkanal und dem großen Werbellinsee zu den ganz neuen Routen im nördlichen Berliner Umland.

Da selbst der Hausbootspezialist Kuhnle erst seit kurzer Zeit in Marienwerder am Oder-Havel-Kanal eine Verleihstation in diesem Revier betreibt, begleitet Jennifer Burghard die Tour. „Ich will schließlich wissen, welche Attraktionen diese Region bietet“, sagt sie und wendet sich gleich wieder der engen Schleuse Rosenbeck zu. Die ist immerhin 130 Jahre alt und war einst für Lastkähne und nicht für komfortable Hausboote gebaut. Rechts und links bleiben nur wenige Zentimeter Platz. Nicht viel besser sieht es in der nachfolgenden Schleuse Eichhorst aus, die 1840 erbaut wurde.

Die aufwendige Prozedur des Schleusens hat einen entscheidenden Vorteil: Es zwingt ganz von selbst zur Langsamkeit; so kommt der Genuss der Landschaft nicht zu kurz. Vor allem der 13 Kilometer lange Werbellinsee lässt sich ohnehin am besten mit gedrosseltem Tempo erkunden. Sonst würde vielleicht sein besonderer Schatz gar nicht beachtet werden: die große Sichttiefe. Bis zu sechs Meter reicht der Blick hinab ins Wasser. Davon profitiert neben den Ausflüglern in erster Linie der einzige Fischer am Werbellinsee. „Ich lebe fast ausschließlich von den Maränen“, erzählt Volker Wolf, vor dessen Restaurant und Verkaufsstelle sich mehrere Bootsanlegestellen befinden. „Dieser lachsartige Fisch kommt nur in sehr sauberen und tiefen Gewässern vor, in Brandenburg sonst nur noch im Stechlin.“ Doch während die Exemplare aus dem Nordwesten Brandenburgs höchstens 70 Gramm auf die Waage bringen, holt Volker Wolf im Schnitt 100 Gramm „schwere“ Fische raus. „Der Stechlin ist noch etwas klarer und deshalb nährstoffärmer“, erklärt der Fischer den Unterschied. „Vielleicht schmecken meine Fische dafür ja besser.“ Den größten Teil seines Fanges, den er täglich zwischen 6 und 9 Uhr aus einer Tiefe von rund 30 Metern holt, verkauft er an Kunden in seiner eigenen Fischerei. Unter ihnen befinden sich nicht wenige Hausbootfahrer, die sich hier oft einen Fischvorrat zulegen. Eine Woche hält der frische Fang sich im Kühlschrank. „Leider ist die Maräne in der Region viel zu wenig bekannt“, sagt Volker Wolf. „Sie könnte eine richtige Spezialität vom Werbellinsee sein.“

Hotels, Ferienwohnungen und Restaurants gibt es rund um den Werbellinsee inzwischen wieder genügend, nachdem der Tourismus zu DDR-Zeiten wegen der Staatsjagdgebiete, dem Regierungsgästehaus Jagdschloss Hubertusstock oder des Honecker-Hauses „Wildfang“ fast gänzlich eingeschlafen war. „Bis Mitte der dreißiger Jahre sind die Berliner in Scharen in die Gegend zum Tagesausflug gekommen“, berichtet Revierförster Lutz Hamann. „Da ging es mit der Bahn nach Zerpenschleuse, dann per Schiff über den Werbellinkanal und den Werbellinsee bis nach Altenhof, wo Busse die Sommerfrischler am Abend zurück in die Großstadt brachten.“ 120 000 Besucher jährlich kamen allein in das 1934 eröffnete Wisentgehege in der Schorfheide.

Heute entdecken immer mehr Touristen auf dem Radweg Berlin–Usedom die Schorfheide und kommen auch wieder, hat der Förster, der direkt am Weg wohnt, festgestellt. Seit der Wiedereröffnung des vor 80 Jahren auf einer Länge von drei Kilometern zugeschütteten Werbellinkanals im Vorjahr kommen auch wieder mehr Hausboote, Jachten oder auch Flöße auf den Werbellinsee. Die Marina in Joachimsthal verleiht sogar Solarboote für bis zu sechs Personen zu einem Tagespreis von 99 Euro. Auch Kanus stehen dort bereit.

Die Hausboot-Tour, die mit einem kleinen Malheur begonnen hatte, endet mit einem großen Glückgefühl. Das „Bügeleisen“ fuhr in die Schleuse ein und aus, ohne eine einzige Schramme. Claus-Dieter Steyer

Der Werbellinsee liegt ca. 70 Kilometer nördlich Berlins im Kreis Barnim. Mit der Bahn ist man in einer Stunde in Joachimsthal. Nach Marienwerder fährt man mit dem Auto vom Berliner Ring Richtung Frankfurt-Oder/Prenzlau und dann nach Ausfahrt Finowfurt auf die B167 in Richtung Eberswalde/Liebenwalde. Infos unter www.kuhnle-tours.de und www.barnim.de

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