Berlin : „Aber hallo! Wie sieht’s hier denn aus?“

An die erste Brille muss man sich erst einmal gewöhnen – aus dem Tagebuch eines Augenzeugen

Alles begann vor einigen Monaten in der Abfertigungshalle des Flughafens München. Feiner Nebel schien sich hier in den Ecken der Halle festgesetzt zu haben. Die Schilder waren nicht mehr zu erkennen, verschwammen im Dunst. Ingo Iris* wusste plötzlich nicht mehr wohin und woher. Er hatte bei der Suche nach seinem Abflugschalter auf der Dienstreise dieses Mal kein Déjà-vu-Erlebnis. Wie ein Fremder irrte er durch die Halle. Wenige Wochen später bekam der Bildschirmplatzarbeiter seine erste Brille. Der Kurzsichtige (+ 1 bzw. + 1,25 Dioptrien) musste sich erst daran gewöhnen …



1. Tag

Am Morgen bin ich in meinem Brillenfachgeschäft. Frage mich, ob in diesen Geschäften alle Angestellten vertraglich verpflichtet sind, eine Brille zu tragen. Zum ersten Mal sehe ich mich mit meiner neuen Gleitsichtbrille. An diesen Anblick muss ich mich erst gewöhnen. Immerhin: Die Autos auf der anderen Straßenseite sind plötzlich wieder klar zu erkennen. Auch die Zeichen auf den Schildern hatte ich lange nicht mehr gesehen. Ein tolles Gefühl. Beim Verlassen des Ladens geht mein Blick automatisch nach unten. Dort müsste jetzt die Stufe kommen. Aber hallo?! Wie sieht’s hier denn aus?! Ich habe das Gefühl, dass sich der Boden unter mir auftut – das Sichtfeld hat sich durch die neue Brille komplett verändert. Ich habe den optischen Eindruck, die Welt ringsherum würde sich ständig verbiegen. Auf dem Weg zur U-Bahn vermeide ich den Blick auf den Fußweg und habe das Gefühl, auf Eiern zu laufen. Eigentlich möchte ich die Brille absetzen. Es reicht. Doch ich bleibe tapfer. Der Gang treppabwärts zum Bahnsteig wird zur Mutprobe, die Perspektive ist völlig ungewohnt. Wenn ich die Augen nicht nach unten bewege, sondern den Kopf neige, ist die Brille auszuhalten.

Ich bewege mich aber trotzdem langsam und unsicher. Gänge treppauf sind mir lieber, da muss ich nicht nach unten sehen. Auf der Straße geht es mir ähnlich. Am Bordstein: nur nicht nach unten sehen. Schließlich erreiche ich meinen Arbeitsplatz: Alle Kollegen schauen und sprechen mich wegen der neuen Brille an. Vor dem Bildschirm muss ich erst einmal probieren, wie ich nun am besten sitze: Den Drehstuhl lasse ich auf- und niederschnellen, den Bildschirm bewege ich in umgekehrter Reihenfolge. Schließlich ist alles scharf. Mittags, in der Kantine, nehme ich die Brille schnell ab: Ich kann den Abstand zwischen Gabel und Mund nicht einschätzen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass mir alles von der Gabel fällt. Nach dem Essen setze ich die Brille wieder auf: ein Sieg der Neugier über die Eitelkeit. Auf dem Heimweg graut mir vor den Treppen. Augen zu und durch. Zu Hause setze ich die Brille ab.

2. Tag

Nach dem Aufstehen setze ich meine Brille nicht auf, denn ich sehe auch ohne ganz gut. Bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache, reinige ich das gute Stück unter fließendem Wasser. Habe Angst, einen Kratzer in die Plastikgläser zu schrammen und das Gestell zu verbiegen. Wieder treppabwärts unterwegs: Hui, sieht das hier alles komisch aus. Stürzende Linien überall, Runtergucken ist wie im Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt. Wenn ich versuche, irgendwo hinzugreifen, geht der erste Griff garantiert ins Leere. Am Rechner: Wenn ich nicht genau aus der Mitte genau rechtwinklig aufs Display gucke, verzerrt es sich zu einem bösen Trapez. Probiere am Arbeitsplatz eine andere Sitzposition aus. Ich möchte herausfinden, in welcher Stellung die Augen am wenigsten ermüden. Beim Essen und Trinken setze ich die Brille weiterhin ab. Ich habe die Befürchtung, mich zu bekleckern. Vor dem Bildschirm mache ich stündlich eine Pause und nehme dabei die Brille ab.

3. Tag

Morgens bin ich zu Hause weiterhin ohne Brille unterwegs, beim Putzen der Brille bin ich sehr vorsichtig. Treppabwärts geht es nun schon besser, ich neige nun automatisch den Kopf beim Blick aufs Trottoir. Ich zwinge mich, beim Essen und Trinken die Brille auf der Nase zu lassen. Meine stündliche Brillenpause während der Arbeit behalte ich aber bei. Zu Hause setze ich die Brille weiterhin ab.

4. Tag

Essen und Trinken funktionieren nun problemlos. Treppabwärts geht es inzwischen ohne Probleme voran. Mache weniger Pausen beim Arbeiten, nehme in den Pausen aber immer noch kurz die Brille ab.

5. Tag und 6. Tag

Juhu, es ist Wochenende! Beim Fernsehen und Lesen setze ich die Brille auf, sonst nicht. Das Lesen im Bett mit Gleitsichtgläsern hat etwas von Stretching des Nackenbereiches.

7. Tag

Da ist immer noch die Angst, die Brille beim Putzen zu beschädigen. Auf dem Weg zur Arbeit merke ich an der Bushaltestelle, dass die Brille noch zu Hause liegt. Da ich auch ohne Brille sehen kann, werde ich sie wohl wiederfinden. Vor dem EDV-Bildschirm habe ich jetzt die richtige Sitzposition gefunden, auch sonst klappt alles immer besser. Bewege beim Anpeilen dessen, was ich sehen will, eher den Kopf als die Augen. Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich sagen, dass ich mich der neuen Situation relativ schnell angepasst habe – natürlich eher unbewusst als bewusst.

2. Woche

Die Pausen beim Arbeiten werden immer seltener. Das Essen mit Brille? Ist kein Thema mehr. Morgens und am Wochenende setze ich die Brille nicht auf. Ich merke, dass es mir keine Probleme macht, weil die Augen sich offensichtlich darauf einstellen. Nur wenn ich die Brille absetze, sehe ich sofort deutlich schlechter. Oder bilde ich mir das nur ein?

*Name von der Redaktion geändert.

(Aufgezeichnet von Reinhart Bünger.)

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