Berlin : Abgefüllt

Andreas Conrad

glaubt nicht mehr an die Zukunft des Kremsers Der Eiserne Gustav wusste schon 1928 Bescheid. Er fahre von Berlin nach Paris, weil „das Pferdematerial im Aussterbe-Etat steht“, so hatte er protestierend an seine Droschke geschrieben – ein letztes Aufbäumen wider die zunehmende Motorisierung. Ein ehrenwertes Anliegen, gleichwohl vergeblich. Die Ziele der Kremserfahrten am gestrigen Vatertag waren in der Regel bescheidener: Die mitgeführten Getränkevorräte mussten exakt so lange reichen, bis der letzte Fahrgast taumelnd die heimische Wohnungstür erreicht hatte. Ein rätselhaftes Ritual, bei dem man, wie bei den meisten Ritualen, nie so ganz weiß, ob es um seiner selbst willen vollzogen wird oder weil es wirklich Spaß macht. Und noch rätselhafter ist es, dass sich auch 76 Jahre nach dem Eisernen Gustav weiterhin Männer finden, die sich für die Fortbewegung mit einer lächerlich geringen PS-Zahl zufrieden geben. Ob ein oder zwei Pferdestärken – im Normalzustand würde ihnen dies nur mitleidiges Lächeln entlocken. Allerdings, gibt es wirklich noch sehr viele dieser nostalgietrunkenen Männer? Man hat beim Blick auf die kremserfreien Straßen eher einen anderen Eindruck: dass auch diese seltsame Sitte „im Aussterbe-Etat“ steht.

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