Berlin : Abgehauen oder doch entführt?

Noch immer gibt es keine Spur von Georgine – aber täglich neue Spekulationen unter den Nachbarn

Tanja Buntrock

Von dem Imbiss-Stehtisch an der Birkenstraße Ecke Wilhelmshavener Straße hat Wolfgang „Ringo“ Rischewski die Gegend ganz gut im Blick. „Wir passen jetzt alle ein bisschen auf, ob uns was auffällt“, sagt er. Am Montag vergangener Woche ist hier im Moabiter Kiez die 14-jährige Georgine Krüger verschwunden. Seitdem sucht die Polizei das Mädchen mit Fahndungszetteln und Trupps der Bereitschaftspolizei im gesamten Viertel. Bislang jedoch erfolglos.

Georgine wurde zuletzt gesehen, als sie von der Schule nach Hause kam und aus dem Bus an der Stendaler Straße ausgestiegen ist. 200 Meter sind es bis zum Hauseingang. Das Mädchen mit den schulterlangen, schwarzen Haaren kam an diesem Tag allerdings nicht an.

Ringo Rischewski, 50, ist ein kleiner Mann in einem roten Overall, der über seinem Bauch spannt. Bei Rischewski laufen viele Informationen aus dem Kiez zusammen: Er ist Hausmeister, kennt fast jeden. Alle hier nennen ihn Ringo. Nicht wegen „Ringo Starr“ von den Beatles, nein, Ringo heiße er, weil er vor Jahren als Clown „Ringo Banane“ im Zirkus aufgetreten ist und nun, neben seinem Hausmeister-Job, auf den Straßenfesten Berlins seine „Ponyreitbahn“ betreibt. Er ist vierfacher Vater und siebenfacher Opa und sagt, er weiß, wie das ist, wenn man sich um seine Kinder sorgt.

Georgines Verschwinden ist jeden Tag Thema bei den Anwohnern. „Das Mädchen ist bei einemTypen, der sie jetzt womöglich auf den Strich schickt“, vermutet Ringo. Die Imbiss-Frau kann das nicht glauben: „Die hat immer nett gegrüßt. Die ist doch nicht freiwillig von zu Hause weg.“ Ringo schaltet sich wieder ein: „Was hat denn das mit dem Grüßen zu tun?“, fragt er leicht genervt und nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. „Eine 14-Jährige lässt sich doch nicht einfach wegzerren von einem Fremden“, meint Ringo. Die anderen am Stehtisch nicken. Der Kiez hier, sagen sie, sei nicht so kriminell wie viele meinen – auch, wenn es nicht gerade das beste Viertel der Stadt sei. „Viele Hartz-IV-Empfänger, Drogendealer und ausländische Internet-Cafés“, charakterisiert Ringo die Gegend, in der viele Straßen nach norddeutschen Städten benannt wurden. Ringo erzählt, als Vorsichtsmaßnahme habe er den Kindern im Kiez seine Handy-Nummer gegeben – „die kennen mich hier alle“.

In dem türkischen Vereinscafé an der Stendaler Straße, wo Georgine wohnt, klebt ein Suchplakat der Polizei mit dem Foto des Mädchens. Die Männer trinken Tee und spielen Karten. Auch sie sind fast sicher, dass die Jugendliche „abgehauen ist“. Keiner der Männer kann sich vorstellen, dass sie von einem Fremden entführt wurde. „Wir wünschen uns sehr, dass sie heil zurückkommt“, sagt einer aus der Runde.

Ein paar hundert Meter weiter stehen die Wagen der Bereitschaftspolizei. Auch gestern waren wieder 60 Beamte bei der Suche im Einsatz. Diesmal haben sie mit Stöcken die Brachflächen sowie die leer stehenden Lagerhallen mit zerborstenen Fenstern an der Perleberger Brücke nahe dem Güterbahnhof durchkämmt. Vor allem Kleidungsstücke von Georgine könnten wichtige Spuren sein. „Wir haben nicht viel Ergiebiges gefunden“, sagt ein Ermittler. Genauer mag er sich dazu nicht äußern.

Auch die Zeugen-Hinweise hätten die Beamten bislang nicht entscheidend weitergebracht. „Obwohl viele sie im Kiez kannten“, sagt der Ermittler. „Manche wollen sie noch gesehen haben, aber oft wird nur viel geredet.“ Auch Ringo hat die Suchaktion der Polizei mitbekommen und beobachtet das Geschehen von der Brücke aus. „Ick muss ja wissen, wat los ist“, ruft er hinunter.

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