Abgewiesene Klage gegen Udo Lindenberg : Alles nicht geklaut?

Ein Berliner Autor verklagt Udo Lindenberg und behauptet beim Musical "Hinterm Horizont" wurde abgeschrieben. Nun hat ein Gericht die Klage abgewiesen. Dennoch bleibt die Frage: Wurde abgeschrieben?

Johannes Böhme
Cool bleiben. Das Kammergericht Berlin befand die Übereinstimmung des Lindenberg- Musicals „Hinterm Horizont“ mit dem Stück des Autors Martin Verges nicht als ausreichend.
Cool bleiben. Das Kammergericht Berlin befand die Übereinstimmung des Lindenberg- Musicals „Hinterm Horizont“ mit dem Stück des...Foto: Jens Kalaene/dpa

Eine Fabel ist laut Duden nicht nur eine „frei erfundene, fantastische Geschichte“, sondern auch „eine Handlung in ihren wesentlichen Zügen“. Am Montag ging es im Kammergericht Berlin darum, ob Teile des Udo-Lindenberg Musicals abgeschrieben wurden oder nicht. „Hinterm Horizont“ wird mit großem Erfolg im Theater am Potsdamer Platz aufgeführt. Der Berliner Autor Martin Verges hatte gegen die Aufführung des Erfolgs-Musicals geklagt, weil Teile von seinem Stück „Mädchen aus Ost-Berlin“ abgeschrieben seien. Er ist der Meinung, dass die Fabel – der große Bogen des Musicals – geklaut sei.

Die Bühnenfassung hatte der „Sonnenallee“–Autor Thomas Brussig geschrieben, unter Beteiligung von Udo Lindenberg. In einem ersten Verfahren war Verges Klage abgewiesen worden. Am Montag ging es in die Revision – und das Kammergericht erteilte Verges erneut eine Abfuhr. Große Erfolgschancen hatte Verges mit seiner Klage nicht, wie der Vorsitzende Richter Rudolf Landwehrmeyer gleich zu beginn klarmachte. „Die bloße Übernahme einiger Ideen reicht nicht aus.“ Für „Hinterm Horizont“ sei nichts verwendet worden, was vom Urheberrecht geschützt sei.

Der Fall ist dennoch kurios. Angefangen damit, dass Verges sein Manuskript des Stückes bereits 2005 an Udo Lindenberg geschickt hatte. Lindenberg antwortete damals freundlich aber ablehnend („tzorry, kann mich da nich involven“), fragte Verges aber ob er ihm eine einseitige Zusammenfassung schicken könne, was dieser damals auch getan hat.

Die Geschichte des Musicals wie es derzeit aufgeführt wird, enthält nun in der Tat Elemente aus Verges Stück. Das Musical ist eine Fabel, eine recht frei erfundene Geschichte. In der Geschichte lernt Udo Lindenberg ein FDJ-Mädchen kennen, als er 1983 sein legendäres Konzert im Palast der Republik spielte. Lindenberg verliebt sich in das Mädchen. Die Geschichte endet 1989 im Jahr des Mauerfalls, als Lindenberg herausfindet, dass das Mädchen als IM für die Stasi gearbeitet hat.

Ähnliche Elemente gibt es, große Unterschiede aber auch

Lindenberg hat, wie er in seiner Autobiographie schreibt, zwar ein Mädchen aus Ost-Berlin kennengelernt – das war allerdings in den 70er Jahren, lange vor dem Auftritt im Palast der Republik. Diese Geliebte war, wie im Musical, Stasi-Mitarbeiterin: „Die geahnte Wirklichkeit wurde nach der Wende zur Gewissheit. Sie hat für die Stasi gearbeitet“, so steht es in Lindenbergs Autobiographie.

In Verges Stück finden sich sehr ähnliche Elemente wieder: Eine Liebesgeschichte zwischen Udo Lindenberg und einem FDJ-Mädchen, die im Backstagebereich des Palastes der Republik 1983 beginnt und mit dem Fall der Mauer endet. Allerdings unterscheidet sich Verges Variante in fast allen restlichen Details von „Hinterm Horizont“. Das Mädchen arbeitet nicht für die Stasi, es gibt einen eifersüchtigen Nebenbuhler und einen überfürsorglichen Vater. Nichts davon steht in Brussigs Skript von „Hinterm Horizont“.

Der Vorwurf konzentriert sich also auf die Idee, das Musical mit einer Begegnung zwischen Udo Lindenberg und dem FDJ-Mädchen 1983 im Palast der Republik anzusetzen. Thomas Brussig hatte zunächst vorgehabt, das Musical damit zu beginnen, dass ein Ost-Berliner Pärchen 1983 Lindenbergs einziges DDR-Konzert sehen will. Diese Idee wurde dann später durch die jetzige Version ersetzt in der Udo Lindenberg selbst sich verliebt.

Haben beide wirklich nur aus dem gleichen Mythos geschöpft?

Die grobe Übereinstimmung zwischen den Stücken von Brussig und Verges ist erst mal gar nicht weiter verwunderlich. Wenn man ein Musical über Udo Lindenberg und Ost-Berlin machen will so drängt sich das Konzert im Palast der Republik als Startpunkt geradezu auf. Auch Thomas Brussig war 1983 als begeisterter Zuschauer bei dem Konzert dabei. Er habe Udo Lindenberg direkt bei ihrem ersten Treffen auf das Konzert angesprochen, sagt er. Und die Liebesgeschichte des Musicals stammt aus dem Lindenberg-Song „Mädchen aus Ost-Berlin“.

Was aber doch erstaunt, ist wie genau einige Details mit Verges Geschichte übereinstimmen: Ein Backstage-Treffen mit einem FDJ-Mädchen im Palast der Republik als Ausgangspunkt. Vielleicht ist dieses Detail aus Verges Manuskript bei Lindenberg einfach im Unterbewusstsein hängen geblieben – und wurde dann ohne Absicht weiterverwendet. Vielleicht haben aber auch beide einfach „aus dem gleichen Mythos geschöpft“, wie Brussigs Anwalt argumentierte. Thomas Brussig selbst versicherte am Montag jedenfalls, dass er das Manuskript von Verges gar nicht kannte.

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