Berlin : Abitur 2001: Kein Drama, aber ein Fingerzeig

Susanne Vieth-Entus

Die seit Jahren hohe Durchfaller-Quote im Abitur bestärkt Schulsenator Klaus Böger (SPD) in seiner Forderung nach Abschlussprüfungen zum Ende der 10. Klasse und nach Leistungsstandards. Es sei zu spät, erst nach der 13. Klasse "Bilanz zu ziehen". Bereits im kommenden Schuljahr werden die ersten Schulen Vergleichsarbeiten in Mathematik, Deutsch und Englisch schreiben. Zudem soll den Schulen, wo, wie berichtet, 20 bis 30 Prozent durch das Abitur fallen, Hilfe bei der Qualitätssicherung angeboten werden. Gedacht ist auch an eine stärkere Kooperation von kleinen Oberstufen.

Sorgenkinder der Schulpolitik sind zurzeit etliche Gesamtschulen, aber auch einzelne Gymnasien und Oberstufenzentren mit schwieriger Schülerklientel. Hier konzentrieren sich zunehmend die Probleme von verarmten Bezirksregionen. Die Oberstufen bestehen oftmals nur aus 30 bis 40 mittelmäßigen Schülern, das Kursangebot ist klein. Böger plädiert dafür, dass benachbarte Schulen ein gemeinsames Kursangebot auf die Beine stellen. Vor allem aber möchte er, dass diese Schulen eine bessere Ausstattung mit Lehrkräften erhalten. Zurzeit ist allerdings noch strittig, ob er dafür zusätzliche Personalmittel erhält. Auf jeden Fall soll verstärkt beraten werden.

Der Schulsenator warnt allerdings auch davor, die Durchfaller-Quote von 9,1 Prozent berlinweit und bis zu einem Drittel in einigen Schulen überzubewerten. Diese Zahlen seien "kein Drama, sondern ein Fingerzeig", der letztlich die Stoßrichtung des geplanten Schulgesetzes bestätige, das allgemeine Leistungsstandards und Abschlussarbeiten nach Klasse 10 vorschreibe. Im Übrigen zeige die Durchfaller-Quote auch, dass in Berlin streng bewertet und das Abitur keineswegs verschenkt werde. Bis Ende 2001 will die Kultusministerkonferenz einheitliche Prüfungsanforderungen vorlegen.

Im Bundesdurchschnitt kann sich Berlin mit seinem Abitur sehen lassen, betont Böger. Seit Jahren tauschen die Bundesländer in bestimmten Fächern ihre Klassenarbeiten aus, besuchen gegenseitig den Unterricht. Allerdings könne es nicht verwundern, dass in Berlin mehr Kinder durch das Abitur fallen als etwa in Bayern, wo nicht 33, sondern nur 20 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen. In Bayern kommen nur Kinder mit guten Noten auf die Gymnasien, während in Berlin der Zugang selbst mit einer Hauptschulempfehlung möglich ist.

Das Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasium wehrte sich gestern gegen eine vorschnelle Abstempelung als "schlechte Schule", nur weil 22 Prozent, das sind 9 von 40 durchgefallen seien. Zwei Schülerinnen hätten vor der mündlichen Prüfung aus persönlichen Gründen das Handtuch geworfen. Statistik helfe da nicht weiter. Wichtiger sei, findet der pädagogische Koordinator Michael Birnbaum, dass die Schulen, die unter den schwierigsten sozialen Bedingungen zurechtzukommen versuchen, von der Schulaufsicht beraten würden. In den nächsten Wochen wollen die Schulräte erstmal versuchen, die einzelnen besonders hohen Durchfaller-Quoten zu analysieren.

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