Berlin : Abitur auf Probe: Berlin übt für die Reifeprüfung

13 000 Schüler schreiben erstmalig im Herbst einheitliche Arbeiten in den Hauptfächern

Susanne Vieth-Entus

Berlin ist auf dem Weg zu einer für alle Schulen einheitlichen Reifeprüfung. Im Herbst sollen rund 13 000 Schüler ein Probeabitur schreiben. Dies hat Bildungssenator Klaus Böger (SPD) als Vorbereitung auf das erste Berliner Zentralabitur beschlossen. Er möchte das gesamte neue Verfahren einmal durchspielen, bevor im nächsten Frühjahr das richtige Abitur startet. Nach Informationen des Tagesspiegels erhalten alle Schüler identische Aufgaben in Deutsch, Mathematik und ihrer ersten Fremdsprache, die sie zu festgelegten Terminen zwischen dem 26. September und 26. Oktober in mehrstündigen Klausuren abarbeiten müssen.

„Wir wollen Sorgen und Ängsten bei Lehrern, Eltern und Schülern begegnen und auch unsere eigene Logistik überprüfen“, begründet Oberschulrat Gerhard Nitschke die Entscheidung, ein Abitur auf Probe zu schreiben. Zur Logistik gehört, dass alle Klausuraufgaben in versiegelten Umschlägen kurz vor den jeweiligen Prüfungen an die Schulleiter ausgehändigt werden. Die Fachlehrer erhalten die Papiere dann rechtzeitig, um die Unterlagen für ihre Schüler zu kopieren. So soll vermieden werden, dass die Themen vorher durchsickern.

Bisher ist keine Schule bekannt, die sich nicht an dem Probelauf beteiligen will. Ein Rundruf in etlichen Gymnasien und Gesamtschulen ergab, dass die Kollegien ganz froh über die Gelegenheit sind, das mit Spannung erwartete Zentralabitur schon mal einzuüben. „Es ist interessant, so was vorher zu erleben“, sagt auch Harald Mier, der Vorsitzende des Verbands der Oberstudiendirektoren. Die Akzeptanz wurde auch dadurch erhöht, dass die Klausuren nicht zusätzlich hinzukommen, sondern an die Stelle einer anderen regulären Klausur treten, die die Dreizehntklässler ohnehin in dieser Zeit schreiben müssten. Somit müssen die Lehrer nicht zusätzlich korrigieren.

Die rege und wahrscheinlich flächendeckende Teilnahme hat aber noch einen anderen Grund: Falls sich eine Schule dagegen entschiede, bestünde die Gefahr, dass Schüler, die im nächsten Frühjahr durch das Abitur fallen, Widerspruch einlegen, „weil ihnen der Probelauf vorenthalten wurde“, erläutert Jürgen Plenefisch von der Reinickendorfer Max-Beckmann-Gesamtschule. Seine Schule scheut deshalb keine Mühe, das Verfahren durchzuziehen: Die acht Abiturienten, die zum Zeitpunkt der Deutschklausur am 28. September gerade auf Kursfahrt in den USA sind, werden ihre Klausuren vor Ort schreiben: im New Yorker Goethe-Institut. „Ich faxe die Aufgaben morgens rüber“, berichtet Plenefisch. Um zu verhindern, dass Aufgaben dabei sind, die in den Klassen nicht durchgenommen wurden, bekommen die Lehrer fünf Themen zur Auswahl, von denen sie zwei aussortieren können. Im übrigen bekommen sie schon jetzt Hinweise darauf, worauf sie ihre Schüler in etwa vorbereiten müssen. So könnte es in Deutsch um die Theorie des Realismus gehen und in Mathematik beispielsweise um Vektorenrechnung.

Ein großer Teil der Berliner Lehrer sieht dem Zentralabitur übrigens sehr gelassen entgegen: Im Ost-Teil war es jahrzehntelang geübte Praxis – bis 1989.

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