Abitur : Einsigartig

Zwei Abiturienten erreichen Traumnoten auf einer Migranten-Schule im Berliner Stadtteil Wedding. Klappt es hier und da doch mit der Integration?

Alexander Schäfer
Schule
Auf Erfolgskurs: Dennis Dietz und Miriam Chebli haben ihr Abitur mit Bestnoten absolviert.Foto: ddp

Berlin Streber oder Neunmalkluge – diese Vorurteile gegenüber Spitzenschülern erfüllen Miriam Chebli (19) und Dennis Dietz (18) nicht. Zwar haben beide ein Einserabitur, wirken aber weder arrogant noch ungewöhnlich. Besonders sind dagegen ihre gerade erhaltenen Abi-Noten: Miriam schaffte eine Gesamtnote von 1,5. Dennis sogar 1,0. Seit Dienstag kennen beide ihre Zensuren.

„Natürlich bin ich stolz“, strahlt Miriam. Miriam und Dennis besuchen das Weddinger Diesterweg-Gymnasium. Ein oranger Wabenbau in der Nähe des Bahnhofs Gesundbrunnen. 70 Prozent der Schüler haben Migrationshintergrund. Miriams Vater zum Beispiel ist Libanese. Doch es klappt mit der Integration. Ein Grund dafür ist, dass in der Schule ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Darauf achten die Lehrer strikt. Schon vor Jahren wurde die Deutschpflicht im Schulprogramm des Diesterweg-Gymnasiums verankert. Noch vor der Weddinger Herbert-Hoover-Realschule, die später dafür mit dem Nationalpreis ausgezeichnet wurde.

„Wir erfahren hier viel von anderen Kulturen“, meint Dennis. Bei Geburtstagen von türkisch- oder arabischstämmigen Mitschülern lernen sie deren Großfamilien kennen – und tanzen schon mal gemeinsam. „Früher habe ich mich gewundert, dass die Cafeteria manchmal längere Zeit so leer war. Später wusste ich: Fastenmonat Ramadan“, sagt Dennis. Seine Freundin Simone hat polnische Verwandte – und einen Abischnitt von 1,6.

„Die Erleichterung ist groß“, sagt Miriam. Miriam und Dennis gehören zum ersten Jahrgang, der in Berlin das Zentralabitur gemacht hat. In ihrer schriftlichen Prüfung hatten alle Berliner Schüler in einigen Hauptfächern dieselben Aufgaben. „Das war aber eher leichter als sonst“, meint Miriam. Auch seien die vorbereitenden Probeklausuren im Herbst vergangenen Jahres eine gute Hilfe gewesen. Größere Angst hatte sie vor den mündlichen Prüfungen, die vor einem Monat stattfanden. Miriam schätzt sich selbst als „extrem schüchtern“ ein, deswegen war sie sehr angespannt. Doch dann ging alles ganz schnell.

„Schon ein komisches Gefühl: Man kommt aus der Prüfung und plötzlich sind 13 Jahre Schule vorbei“, erzählt Dennis. Keine Schule mehr, kein Stress – anfangs fehlte den beiden der geregelte Tagesablauf. Man kann schließlich nicht immer nur feiern. Die ersten Tage hat sich Dennis „erst mal leer gefühlt“.

Aber das wird sich bald ändern. Beide wollen Chemie studieren. Miriam an der Freien Universität, Dennis an der Humboldt-Uni. Später können sie sich vorstellen, in der Forschung zu arbeiten. Wissenschaftliche Erfahrung haben sie schon in der Schulzeit gesammelt, gemeinsam erreichten sie im März beim Landeswettbewerb „Jugend forscht“ den 2. Platz. Sie untersuchten die Entwicklung der Wasserqualität des Tegeler Sees.

Im Sommer wollen sich beide auf ihr Studium vorbereiten. Dennis will eine mehrwöchige Sommerakademie in Paderborn besuchen. Miriam plant ein Praktikum im Bereich Lebensmittelchemie. Am 29. Juni findet die offizielle Abi-Verleihung statt. Aber die beiden werden sich schon vorher an ihrer Schule wiedersehen – zum Abistreich. Nur das Motto „Abi 007“ wird schon verraten, alles andere sei „geheime Mission“.

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