Berlin : Abitur: "Mathe büffeln während der Kino-Vorstellung"

tabu

Hanna-Renate Laurien, Ehemalige Berliner Schulsenatorin, 73 Jahre:

"Ich gehörte zu denen, die 1945 den sogenannten Heimkehrer-Lehrgang besucht haben. Da kam ich zur Königin-Luise-Stiftung, wo man in einem Sechs-Monats-Kurs sein Abitur machen konnte. Das dauerte mir aber immer noch entschieden zu lange. Also marschierte ich zur Oberschulrätin und fragte, ob ich denn nicht nur einen Drei-Monats-Kurs belegen dürfte. Sie erlaubte es mir, glücklicherweise.

Da ich damals bei den "Rex Lichtspielen" in Lichterfelde als Platzanweiserin und später als Kartenabreißerin gejobbt habe, brachte die Abitur-Vorbereitung ganz schön viel Stress mit sich. Für die Mittagsvorstellungen war der Einlass bereits um 13 Uhr. Wie sollte ich das mit der Schule verbinden? "Renate, Sie verlassen die letzte Stunde so, dass sie rechtzeitig ins Kino kommen", sagten die Lehrer. Überhaupt habe ich hier zum ersten Mal Lehrer kennengelernt, die mir richtig gefallen haben.

Meine Mathe-Lehrerin beispielsweise. Die kam nach dem Einlass ins Kino, setzte sich mit mir in die Bude dahinter und brachte mir Mathematik bei. Kostenlos. Naja, wenn ich ein Weißbrot übrig hatte, habe ich es ihr geschenkt. Wir wurden ja von den Amis ganz gut bestochen mit solchen Sachen, weil die scharf auf die Kinokarten waren.

Jedenfalls hat nach drei Monaten alles bestens geklappt, und ich habe mein Abitur bestanden. Ganz egal, welchen Beruf man später ausüben möchte: Wer die Fähigkeiten hat, der sollte auf jeden Fall das Abitur machen. Dort gewinnt man nämlich Erkenntnisse, wie man die Welt betrachten kann."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben