Berlin : Abiturprüfungen stehen auf der Kippe Drohender S-Bahn-Streik alarmiert Schulen

Eltern bilden Fahrgemeinschaften

Brigitte Reidinger,Susanne Vieth-Entus

Ratlosigkeit war gestern das vorherrschende Gefühl in Familien mit Schulkindern: Wie sollen diese am Montag zur Schule kommen, falls auch noch die S-Bahn streikt? Hunderte Eltern riefen in den Schulen oder bei der Senatsverwaltung für Bildung an, um sich rechtlich abzusichern. Tausende besprachen Fahrgemeinschaften. Einige Direktoren verschoben schon mal vorsorglich Klassenarbeiten. Vielleicht müssen sogar Präsentationsprüfungen für das Abitur und den Mittleren Schulabschluss verschoben werden, die einige Schulen schon für die kommende Woche angesetzt hatten.

„Das Ganze muss schülerverträglich organisiert werden“, steht für Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall fest. Er appelliert an die Schulen, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Dazu gehöre, dass auch kein Stoff durchgenommen werden sollte, der direkt im Zusammenhang mit den schriftlichen Abiturprüfungen steht. „Sonst würden ja die Schüler diskriminiert, die wegen des Streiks nicht da sind“, gibt Pokall zu bedenken.

Vor dem Hintergrund des drohenden S-Bahn-Streiks kamen einige Eltern und auch Landeselternsprecher André Schindler gestern sogar auf die Idee, ein Vorziehen der Osterferien um eine Woche zu fordern. Dies allerdings lehnt die Bildungsverwaltung definitiv ab: Schließlich sei es den meisten Schülern ja möglich, zu Fuß, per Auto oder per Rad zum Unterricht zu kommen, hieß es. Verwaltungssprecher Bernhard Kempf rät, Fahrgemeinschaften zu bilden. Wenn das aber partout nicht organisierbar sei, müssten die Kinder eben zu Hause bleiben. In diesem Fall müsste aber eine Entschuldigung nachgereicht werden.

Davon werden wohl viele Gebrauch machen müssen. „Wenn die S-Bahn auch noch streikt, ist alles aus“, sagt etwa die 15-jährige Clara Reinartz. Ihr Schulweg ist nämlich lang: Fast eine Stunde ist sie unterwegs, um von Pankow-Niederschönhausen zur Sophie-Scholl-Schule nach Schöneberg zu kommen – wenn die S-Bahn fährt. Die Alternative ist nicht verlockend: Mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt zu radeln, macht der Schülerin Angst: „Ich fürchte, ich würde den Weg gar nicht finden. Außerdem würde ich mich auch einfach unsicher fühlen.“ Auch ihre Mutter plädiert dafür, dass das Mädchen besser eine der Notverkehrs- S-Bahnen nehmen und entsprechend früher aus dem Haus gehen sollte.

Leichter hat es Claras kleiner Bruder. Gerade mal acht Jahre alt, besucht er noch die Grundschule. Für ihn gibt es kein Problem in die Schule zu kommen – S-Bahn hin oder her. „Da haben sich die Eltern organisiert: Wir wechseln uns mit dem Fahren ab, und manchmal fährt auch der Großvater“, berichtet Barbara Reinartz.

Dieses gemeinsame Organisieren und Kommunizieren hält Claudia Hasen, Mutter zweier Söhne, bei allem Ärger sogar für einen positiven Aspekt des Streiks. „Die Nachbarn kommen und fragen nach einem Fahrrad, alle Leute reden über ein Thema – irgendwie setzt dieser Zustand ja auch Energien frei. Man hilft sich eben aus“, sagt sie. Ihr Sohn Leo braucht zum Glück keine Hilfe, um zur Schule zu kommen. Er besucht die 6. Klasse des Hildegard-Wegscheider-Gymnasiums in Grunewald. Normalerweise ist er mit dem Bus unterwegs. Der erste Streik hat ihn eiskalt erwischt. Damals wusste Leo gar nicht, dass kein Bus kommt und ist dann mit einem Klassenkameraden einfach zu Fuß gegangen. Nach 45 Minuten hatten sie es geschafft. Jetzt ist er klüger und nimmt das Fahrrad. „Den Weg kennt er gut. Aber ganz wohl ist mir nicht dabei. Die Autofahrer sind viel aggressiver als sonst. Ich bin immer erleichtert, wenn er wieder zu Hause ist.“

Doch nicht für alle Schüler gibt es Möglichkeiten, zum Unterricht zu gelangen. Das hat auch der Leiter der Thomas- Mann-Gesamtschule in Reinickendorf, Frank Braune, erkannt. „Wie sollen denn Schüler aus Oranienburg oder Bernau herkommen, wenn keine Bahn fährt?“ fragt er sich. Deshalb hat er schon jetzt umorganisiert: Die Klausuren, die für Montag angesetzt waren, sind auf Mittwoch verschoben.

Noch nicht ganz verarbeitet sind unterdessen die Nachwirkungen des Warnstreiks der Lehrer vom Donnerstag. Einige Eltern ärgern sich, weil die Schulleiter ihnen nahelegten, die Kinder zu Hause zu lassen: „Wenn es Ihnen möglich ist, Ihre Kinder zu Hause zu betreuen, würde das unsere Arbeit an diesem Tag sehr erleichtern“, schrieb etwa die stellvertretende Leiterin der Pankower Mendel- Grundschule den Eltern. Zudem gab es einen „Notplan“, der für die Fünft- und Sechstklässler nur eine Betreuung bis 11.20 Uhr vorsah. Landesschulrat Pokall hält solche Schreiben für „am Rande dessen, was man machen darf“. Solche Fälle würden „entsprechend aufgearbeitet“.

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