Berlin : Abkehr vom Heimatkitsch

Junge Türken mögen den Glitzerkram ihrer Eltern nicht mehr

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Die Ferien sind vorbei, die Berliner Türken sind fast vollständig wieder mitsamt ihren Freuden und Sorgen in die Hauptstadt zurückgekehrt, nachdem sie die großen Ferien in der Türkei verbracht haben. Damit haben endlich auch wieder die türkischen Journalisten etwas zu tun. Sie hatten in den vergangenen Wochen weder Themen noch ein Publikum, für das sie schreiben konnten.

Jetzt bemerken sie: Die junge Generation der Türken hat offenbar ein Geschmacksproblem mit dem bunten Glitzerkram der Elterngeneration. Wasserpfeifen, Teegläser, Gebetsketten, künstliche Wasserfälle, maschinengehäkelte Tagesdecken aus Kunstfaser und blaue Steine gegen den bösen Blick finden kaum noch Absatz – sehr zum Missvergnügen der Besitzer zahlreicher Import- Export-Geschäfte. Die Tageszeitung Hürriyet macht damit ihre Berlin-Ausgabe auf, die immer der Mittwochausgabe beigelegt wird. „Die goldenen Jahre sind vorbei“, zitiert die Hürriyet die Besitzer einiger dieser Läden, die ihre bunte Ware oftmals auf den Bürgersteigen der Stadt ausstellen. Die Geschichte dieser Geschäfte geht zurück auf die Anfänge türkischer Zuwanderung, als Deutschland für viele Türken noch Ausland war und die Ware mitsamt dem ihr anhaftenden Heimatgefühl importiert wurde. „Während diese Läden früher zu den beliebtesten Geschäften zählten, gehören sie mittlerweile der Vergangenheit an“, berichtete die Hürriyet. Ein Geschäftsmann wusste sogar, woran das lag. „Der jungen Generation gefallen unsere Sachen nicht“, sagte er.

Mit einem weiteren Dauerthema befasste sich die Hürriyet auf Seite zwei. „Während die Arbeitslosigkeit in Berlin bei 20 Prozent liegt, beträgt sie unter Türken 40 Prozent.“ Die Schlussfolgerung fällt allerdings nicht sehr konstruktiv aus: Die arbeitslosen Türken, die darunter litten, dass sie keine Arbeit fänden, könnten nichts anderes tun, als in einem „Kahve“, also im Café, herumzusitzen.

Ein anderes Berlin-Thema war für die Lokalseite nicht geeignet. Die Tageszeitung Türkiye brachte es sogar auf die Titelseite der Freitagsausgabe. „Die Kinder sind ein Teil von uns“, zitierte sie in großen Buchstaben den türkischen Bildungsminister, der an der zweitägigen Bildungskonferenz aller europäischen Länder (Bologna-Prozess) in Berlin teilgenommen hatte. Auf der Europa-Seite im Innenteil druckte die Türkiye die „Botschaft von Minister Hüseyin Celik an die türkischen Kinder“ noch einmal ab: „Ihr gehört uns. Egal, wo ihr lebt.“ Beim genaueren Nachlesen der Texte in den Zeitungen klang das allerdings harmloser. Der Minister möchte den Austausch zwischen deutschen und türkischen Schülern fördern, indem er in Berlin und anderen Städten Schulen gründet, die ähnlich wie die hiesigen Europa-Schulen arbeiten. In Hamburg hat er dem Bericht zufolge bereits ein Abkommen für ein entsprechendes Projekt unterzeichnet.

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