Berlin : Abriss auf Raten

Annekatrin Looss

Das Reklameschild des Getränkehändlers wirkt deplatziert. Vor abgeblätterter Farbe, Graffiti und schmutzigen Fliesen hängt es an der Hochhausruine in der Mollstraße 31 und verfehlt seine Wirkung vermutlich ebenso wie das über das Haus geworfene grüne Netz, das mit den Jahren löchrig geworden ist. Einst sollte es Mehlschwalben davon abhalten, sich in dem Bau niederzulassen. Denn die unter Schutz stehenden Vögel wurden Mitte der neunziger Jahre, als immer mal wieder ein potenzieller Investor das Haus abreißen wollte, zum Hindernis. Inzwischen hat der Wind das Netz zerfetzt, ganz sicher haben im Frühjahr hier auch wieder Vögel gebrütet, aber abgerissen wird jetzt trotzdem.

Die Arbeiter beginnen damit von unten. Seit Wochen reißt ein kleiner Bagger Stück um Stück aus dem Flachgebäude am Fuße des Hauses und macht dabei mächtig Lärm. Wie ein Terrier wirkt er, der wütend an den Wurzeln einer alten Eiche zerrt. Der Wind treibt den Passanten Staub in die Augen. Baulärm hallt über den Parkplatz hinter der Ruine. Die Anwohner sind trotzdem skeptisch. "Dass das Haus abgerissen wird, glaube ich erst, wenn es nicht mehr steht", sagt Hubert Piasetzki. Seit 1968 wohnt er im Barnimkiez. Aus seinem Wohnzimmerfenster konnte er sehen, wie das Haus Anfang der siebziger Jahre gebaut wurde. Er erlebte auch mit, wie der ungarische Experimentalbau - die Wohnungen in den oberen Etagen hatten flexible Wände - Risse bekam und sich absenkte, auch sah er, wie die Mieter im Jahr 1988 wieder ausziehen mussten. "Damals sollte das Haus abgetragen, das Fundament erneuert und das Haus wieder aufgebaut werden", erzählt Piasetzki. Aber dann sei die Mauer gefallen und seitdem sei alles drunter und drüber gegangen. Drei Mal schon hätten Bagger an der Ruine genagt, drei Mal seien hier schon Kräne aufgebaut und wieder abgebaut worden. Immer wieder seien die Firmen Pleite gegangen, bevor wirklich etwas geschehen ist. Herr Piasetzki übertreibt ein wenig. Nachdem die Euwo-Gruppe 1992 das Gelände kaufte, ein mondänes "Centre Paris-Berlin" mit Wohnungen, Büros und Einkaufspassagen plante und vier Jahre später Pleite ging, stellte dort nie wieder jemand Kräne auf, bis die bauart Beteiligungs GmbH & Co Mollstraße KG im September 2001 der Geschichte des Hauses ein neues Kapitel hinzufügte. Wohnhäuser und ein Hotel sollen eines Tages dort entstehen.

Nachbar Piasetzki ist es egal, ob das Haus stehen bleibt oder abgerissen wird. Aber es wäre natürlich schön, wenn da mal wieder was Ordentliches hinkäme. Wie früher, als sich in den unteren Etagen des Hauses Geschäfte, eine Bibliothek und ein Café eingemietet hatten. Auch, dass der große kostenlose Parkplatz dann mit Wohnhäusern zugebaut würde, sei kein Problem. "Die wollen dann unterirdische Parkplätze bauen, die man für 120 Mark mieten kann." Und das sei doch günstig, schließlich ist Parkraum in der Gegend knapp. Da zahlt er lieber und hat seinen Parkplatz sicher. Das sieht der Herr Ende Fünfzig, der wenige Meter weiter parkt, anders. Es sei zwar "janz jut", dass das Haus jetzt verschwindet, aber dass der Parkplatz zugebaut werden soll, kann er nicht verstehen. 120 Mark seien schließlich ganz schön happig. Und überhaupt, was brauche man hier ein Hotel, auf der anderen Straßenseite steht doch schon eines. Dann geht er, fluchend.

Günther Bahn von der Bürgervertretung Barnimkiez beschreibt die Stimmung als heterogen. Zwar seien die Anwohner froh, dass die Ruine verschwindet, aber dass sie dann fürs Parken bezahlen sollen, sei problematisch. "Sicher, 120 Mark sind noch bezahlbar, aber wer garantiert uns denn, dass die die Preise nicht erhöhen?", fragt er.

Die Mietpreise seien nicht sein Verantwortungsbereich, sagt bauart-Projektleiter Andreas Eckert, wohl aber der Abriss. Und der verzögert sich. Man habe sich verkalkuliert, was die Zeitspanne der Entkernungsarbeiten angehe. Die dauern etwas länger, deshalb ist von dem Hochkran, der ab dem 15. Oktober 2001 auf dem Gelände stehen sollte, auch noch nichts zu sehen. Aber diese Verzögerungen wolle man später kompensieren, so dass der Komplex mit 300-Betten-Hotel, Restaurants, Büros und Wohnhäusern wie geplant bis 2004 fertig wird. Dass ein Getränkehändler an der Ruine für sein Geschäft wirbt, findet auch Eckert komisch. "Ein Anwohner hat mir mal erzählt, dass es den Laden schon lange nicht mehr gibt." Und so ist das Schild wohl nur ein Überbleibsel aus vergangener Zeit. Genau wie das Haus, an dem es hängt.

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