Abriss der Deutschlandhalle : Ein Knall, eine Wolke, eine Ruine

Um 9.53 Uhr wurde die Deutschlandhalle gesprengt Neugierige können heute auf dem Funkturm staunen.

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Für den Bruchteil einer Sekunde stockte Robert Halter der Atem. Als der 28-jährige Sprengfachmann die Kurbel am Gerät drehte, um die 40 Kilogramm Sprengstoff zu zünden, und es dann einfach still blieb. Doch es musste sich in der Riesenhalle alles erst einmal über die 1000 Meter Kabel verteilen, hin zu den fast 300 Zündern in den Bohrlöchern an den Stahlträgern und Stützen, bis das Dach der Deutschlandhalle am Sonnabend, exakt um 9.53 Uhr, mit einem heftigen Knall trichterförmig zusammensackte.

Die Sprengung war an diesem Morgen Familiensache. Roberts Großvater gründete 1925 den Spandauer Betrieb, sein Vater Christoph ist heute Chef. Damals stand die Halle noch gar nicht, sie wurde erst zehn Jahre später anlässlich der Olympischen Spiele errichtet. Im Krieg wurde sie dann zerstört und in den 50ern wieder aufgebaut. Seit 14 Jahren aber war es in der Halle ruhig geworden, dort fanden nur noch kleine Veranstaltungen statt.

Mit der Sprengung des 6000 Quadratmeter großen Daches begann am Sonnabend die letzte Phase des Abrisses. „Es wäre wegen der Einsturzgefahr zu gefährlich gewesen, das filigran gebaute Dach mit den teils angerosteten Trägern mit Maschinen von innen einzureißen“, sagte Christoph Halter. So verrichteten schließlich Zünder und Dynamit im Wert von 8000 Euro ihre Arbeit. Fünf Wochen dauerten die Vorbereitungen, den ganzen Freitag über zogen Sprengstoffexperten 13 Stunden lang Kabel durchs Gebäude.

Die Sprengung konnte die vielen Kamerateams am Sonnabend von der 126 Meter hohen Aussichtsplattform auf dem Funkturm beobachten, der im Wind schwankte. Während des Countdowns war der Turm für die Öffentlichkeit gesperrt, kurz danach aber machten sich die ersten Gruppen auch schon per Aufzug auf den Weg nach oben, um sich die Ruine einmal anzuschauen. Viele Neugierige werden wohl auch am heutigen Sonntag nach Westend kommen: Die Aussichtsplattform auf dem Funkturm ist von 10 bis 23 Uhr geöffnet, der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 2,80 Euro. Wenn es allerdings zu windig und nass ist, bleibt der Aufzug am Boden.

Am Tag der Sprengung sammelten sich die vielen Neugierigen an den Avusrängen, auch auf dem Teufelsberg sah man Grüppchen von Schaulustigen, und über die gesperrte Avus rannten Menschen noch bis zu den Polizeiabsperrungen.

Handykameras klickten, ein Künstler verewigte die letzten Momente der Traditionshalle im Bild. Erst ertönten Warnsignale, dann war die Detonation zu hören, und in der Eiseskälte auf der Plattform sah man, wie sich eine immer größere helle Staubwolke über die Stadt ausdehnte. Eine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung bestand laut Sprengfirma und Messe Berlin nicht, asbesthaltige und andere schadstoffhaltige Teile seien aus Halle und Dach zuvor entfernt worden. Das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit habe vor der Sprengung alles abgenommen. Wie bei anderen spektakulären Sprengungen in der Vergangenheit auch: Beim Bellevue-Tower am Potsdamer Platz, beim Frohnauer Sendemast, dem Plattenbau an der Darßer Straße in Pankow, der Spandauer Schleuse, dem sich den Sprengungen mehrmals widersetzenden Heizkraftwerk Rudow.

Sprengmeister Christoph Halter kannte die Deutschlandhalle gut, er hat in den 70 Jahren dort als Ordner gearbeitet. „Ich war bei Paul McCartney und den Wings, Pink Floyd, bei Boxwettkämpfen. Bei der Arbeit werden zwar schon Endorphine freigesetzt, aber Emotionen können wir uns hier nicht leisten“, sagte er. Hannelore Buchleither kamen hingegen die Tränen. Die Dame stieg mit ihrem Rollator extra in die S-Bahn und fuhr aus Hermsdorf zur Deutschlandhalle. „Hier war ich 1961 das erste Mal mit meinem Mann in einem Konzert, bei Zarah Leander oder Hildegard Knef“, erzählte sie und blickte noch einmal auf die Ruine, die seit diesem Sonnabendmorgen, 9.53 Uhr, aussieht wie der Überrest eines Erdbebens.

Info-Telefon der Funkturmkasse unter der Nummer 3038 - 1905.

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