Berlin : Abrüstung im Spreewald

Brandenburger Firma vernichtet Streubomben – mitten in der Touristenidylle.

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Gefährlicher Job. Im „Spreewerk“ wird Munition entschärft und entsorgt. Foto: Steyer
Gefährlicher Job. Im „Spreewerk“ wird Munition entschärft und entsorgt. Foto: Steyer

Lübben - Das Handy bleibt vor dem Rundgang vorsorglich auf dem Tisch der Sekretärin. Außerdem sind Feuerzeuge ebenso tabu wie Streichhölzer oder das Blitzlicht des Fotoapparates. Angefasst wird ohnehin nichts hier und jeder Schritt durch mehrere Aufsichtspersonen kontrolliert. Der Besucherausweis muss die ganze Zeit gut sichtbar getragen und am Ende wieder abgegeben werden. Diese und andere strengen Regeln passen nicht zur Idylle rund um das streng gesicherte Areal. Der Besucher durchfährt zunächst den bei Touristen wegen der einzigartigen Natur so beliebten Spreewald, um dann vor dem Eingangstor mit dem unverfänglich wirkenden Betriebsnamen „Spreewerk“ zu stehen. Doch hinter dem Tor hantieren Frauen und Männer in blauen Arbeitsanzügen mit höchst gefährlichen Materialien: Sie machen Munition, Bomben, Raketen und Explosivstoffe von Armeen aus aller Welt unschädlich.

Die Auftragsbücher des 81 Mitarbeiter zählenden Unternehmens sind nach Angaben des Chefs der Geschäftsführung, Gert von Wickede, schon bis Mitte 2015 gut gefüllt. „Kein anderer Betrieb in Europa vernichtet so viele Waffen von Nato-Armeen wie wir“, sagt von Wickede. „15 000 Tonnen Munition aller Art werden von uns jährlich in ihre Bestandteile zerlegt und entsorgt. Damit sichern wir uns rund die Hälfte des gesamten Auftragsvolumens in Europa.“ Aber auch die Armeen in Singapur, Südafrika, der Schweiz oder Taiwan sowie die in Wiesbaden stationierten US-Einheiten schickten zuletzt Waffen zur Vernichtung in den Spreewald. Derzeit garantiert vor allem die Bundeswehr eine volle Auslastung der Arbeitsplätze in den Zerlegehallen und in der Verbrennungsanlage. Sie lässt hier Streubomben vernichten, um damit dem 2008 in Oslo unterzeichnete Abkommen einer weltweiten Ächtung der heimtückischen Munition nachzukommen. „Deutschland erfüllt die Bestimmungen bis 2015“, sagt Rolf Nickel, Beauftragter der Bundesregierung für Abrüstung und Rüstungskontrolle. „Zwischen 2000 und 2015 werden dafür aus dem Bundeshaushalt rund 59 Millionen Euro bereitgestellt.“ 77 Staaten hätten die Konvention bisher unterschrieben. Wichtige Länder wie die USA, China oder Russland fehlen aber noch.

Am Arbeitsplatz des Munitionszerlegers Detlef Pohl lässt sich die Gefährlichkeit der Streubomben erahnen. Mit Umsicht und Routine rückt er einer von den britischen Streitkräften aussortierten und einst in Frankreich produzierten Rakete zu Leibe. Im Innern des vier Meter langen und 98 Kilogramm schweren Ungetüms kommen 28 Minen zum Vorschein, die sich auf einem mehrere hundert Meter großen Radius am Boden verteilen sollten. Bei einer Detonation hätten Menschen keine Überlebenschance, Panzer oder andere Fahrzeuge würden explodieren. „Das ist natürlich ein gutes Gefühl, wenn man die Waffen zerstören kann“, sagt Detlef Pohl, der schon vor der Wende im Spreewerk gearbeitet hatte. Damals stellte der Betrieb die Patronen für die Kalaschnikow-Maschinenpistole her. Die Gründung des Unternehmens selbst geht noch auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als die Wehrmacht versteckt im Spreewald Munition produzieren ließ. „Die meisten Abläufe erfolgen per Hand“, erklärt der Munitionszerleger. „Passieren kann eigentlich nichts, aber Waffen sind immer unberechenbar.“

Das letzte große Unglück liegt zehn Jahre zurück. Im November 2002 starben bei einer Detonation, deren Ursache nie aufgeklärt werden konnte, vier Arbeiter. Um die Bedrohung möglichst zu minimieren, erfolgen die gefährlichsten Arbeitsschritte in einer mit 80 Zentimeter Stahlbeton umgebenen und automatisch gesteuerten Sicherheitskabine.

Am Ende bleiben von den Raketen nur Schrott und Sprengstoff übrig. Trotz des großen Aufwandes spricht Geschäftsführer Gert von Wickede nur von einem „bescheidenen Gewinn“. Der Gesamtumsatz des zum amerikanischen Konzern General Atomics gehörenden Betriebes liege im Jahr bei 12,9 Millionen Euro. Eine in der Herstellung vielleicht eine halbe Million Euro teure Rakete werde im Spreewerk für rund 250 Euro entsorgt. Da seien die Schrotterlöse schon enthalten. Nicht nur, aber auch deshalb finde jede Abrüstungsinitiative natürlich sein besonderes Wohlwollen, sagt der Unternehmenschef.

Auch Waffen unterlägen übrigens einem Mindesthaltbarkeitsdatum. „Das bedeutet genügend Arbeit für uns“, sagt er, bevor sich das schwere Werktor wieder schließt. Claus-Dieter Steyer

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