Berlin : Absagen ist manchmal angesagt

Elisabeth Binder

Wer hat abgesagt? Und warum? Das sind zwei der beliebtesten Lästerfragen zu Beginn des Bundespresseballs, die auch im Vorfeld schon mit Lust behandelt werden. Klaus Wowereit kommt nicht. Da wollen manche schon „Skandal“ oder wahlweise „beleidigte Leberwurst“ schreien, weil der Regierende lieber zur Ausstellungseröffnung mit Designer Karl Lagerfeld (siehe Text ganz links) ging, als im Hotel Intercontinental zu erscheinen. Doch was für die Presseball-Veranstalter eine Enttäuschung ist, zeigt im Grunde ein modernes Party- und Medienverhalten. Besonders Wowereit ist, was den Umgang mit Partys betrifft, hoch professionell. Auf dem Weg dorthin hat er sich aber auch zu Fehlern hinreißen lassen wie jenes Foto aus dem Jahr 2001 zeigt, auf dem er Champagner aus einem Damenpumps trinkt. Das gilt bis heute als Sinnbild des hedonistischen Berlin.

Früher galten Pressebälle als absolute Muss-Veranstaltungen für Polit-Honoratioren und Wählerstimmenbuhler. Zur ständigen Liberalisierung der Gesellschaft gehört aber auch die Schwächung des Honoratioren-Pflichtevents. Der Bundespresseball hat sich zwar als eines der wichtigsten Ereignisse im Jahreskreislauf etabliert. Und es gab auch unbeschwerte Jahre, als Wowereit ausgelassen beispielsweise mit Alice Schwarzer zu alten Udo-Jürgens-Nummern tanzte. Wer heute gesellschaftliche Veranstaltungen besucht, will in der Regel auch und vor allem Kontakte pflegen und abarbeiten, will en passant Politik machen und Projekte auf den Weg bringen. Da ist es höchst kontraproduktiv, wenn man drei Stunden oder länger am Ehrentisch schwitzen muss, neben Tischnachbarn, die vom Protokoll vorgeschrieben sind. Ertragreicher sind da sogenannte Arbeitspartys, zu denen Unternehmen wie die Telekom regelmäßig einladen. Wo es viele Alternativen gibt, machen umworbene Gäste, wie der Regierende, deshalb von ihrem ganz persönlichen Wahlrecht Gebrauch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben