Berlin : Abschied in der Manege

Die Türen der internationalen Zirkuswelt standen ihm weit offen. Aber Yuri Ermolaev ist tot. Gestern erwiesen seine Familie, Freunde und Kollegen dem 29 Jahre alten Artistenstar die letzte Ehre

Heidemarie Mazuhn

Der Nebel hängt gestern Morgen schwer über dem Festgelände am Kurt-Schumacher-Damm. Kein Menschen weit und breit. Totenstille auch um das rote Pagodenzelt, in dem der „Große Asiatische Circus“ seit dem 14. November täglich „Ovations“ präsentiert. Außer montags, da haben die Artisten einen Ruhetag.

Gestern hatten sie einen Trauertag. Genau einen Monat vor seinem 30. Geburtstag ist, wie berichtet, am 17.November der Kunstreiter Yuri Ermolaev gestorben. Ohne Abschied. Im Pferdestall haben sie ihn gefunden. Herzversagen stellte der Arzt fest. Noch tags zuvor war der junge Mann in zwei Vorstellungen auf seinem Pferd durch die Manege gejagt und hatte in dem Epos „Legende der Liebe“ als „böser Fürst“ mit unglaublichen Reiterkunststücken brilliert – und wie die anderen Mitglieder im weltweit größten Reiterensemble seines Stiefvaters Tamerlan Nugzarov den schon gewohnt donnernden Applaus erhalten.

Gestern gibt es keinen Applaus. Nur die letzte Ehre. Still und bedrückt haben sich dazu die russischen und koreanischen Zirkuskünstler um den magischen Kreis ihrer ganz eigenen Welt aufgestellt, der Manege. In deren Mitte ist zwischen hohen Kerzen auf rotem Podest der Sarg ihres toten Kollegen aufgebahrt. Von der weiß-blau-roten Flagge seiner Heimat bedeckt und mit vielen Blumen geschmückt. Auch Yuri Ermolaev sieht man noch ein letztes Mal - ein Foto zeigt ihn in seiner Paraderrolle. Über ihm, am hohen Zelthimmel projiziert, bäumen sich zwei weiße Pferde hoch auf, Sterne leuchten in die Manege. In der halten in schwarzen Spitzenkopftüchern seine 23-jährige Frau Olga und seine Mutter Swetlana neben Verwandten aus Moskau die Totenwache. Totenblass und reglos sitzt die junge Frau in der Manege, durch sie allabendlich als kühne Amazone reitet - auch an dem Tag, als man morgens ihren Yuri tot fand. Erst vor fünf Jahren haben sie geheiratet – Olga aus Jaroslaw und Yuri aus Moskau – und die Zirkuswelt stand ihnen weit offen. Die Mutter Swetlana trauert um ihren Ältesten, dem sie als Zweijährigen ihren zweiten Ehemann Tamerlan Nugzarov zum Stiefvater gab. Gestern schirmt sie sich mit einer Sonnenbrille von allem und allen ab. Nie wieder wird ihr Yuri besorgt fragen, ob sie sich gut fühle, gegessen oder geschlafen habe. Auf dieses innige Verhältnis in der schon seit fünf Generationen Reiterfamilie Nugzarov geht auch der niederländische Zirkus-Chef Henk van der Meijden in seiner Trauerrede ein. Auch auf die Stille, die nach all dem rasenden Tempo mit seinem Pferd Yuri Ermolaev nun gefunden hat. „Seine Seele ist zu Hause bei ihrem Schöpfer“, sagt er, „Yuri ist in für uns unerreichbare Höhen gestiegen.“ Viel höher als die gestern mit Tüchern verhüllte Zugbrücke, auf der Swetlanas Sohn sie allabendlich mit seinen gefährlichen Reitertricks ängstigte, obwohl sie selbst in der Manege reitet – „man ist nun einmal Mutter“, verteidigte sie immer ihre Ängste.

Der weißhaarige Tamerlan Nugzarov erweist dem toten Reiter dann die letzte Ehre – rassige Rappen umkreisen den Sarg. Dann ist es vorbei, der Sarg wird hinausgetragen - in der Russisch-Orthodoxen Kirche verabschiedet sich die Familie gestern ganz allein von Yuri Ermolaev. Und heute reitet sie wieder die „Legende von der Liebe“ – denn „The Show must go on.“

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