Berlin : Abschied vom Heimweh

Verfolgt, emigriert und im Alter zurückgekehrt: Bundespräsident ehrt Holocaust-Überlebende

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Als in Berlin die Synagogen brannten, war Margot Friedländer 17, ein junges Mädchen. Genau 73 Jahre später überreicht Bundespräsident Christian Wulff ihr im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz. Nach mehr als 60 Jahren in New York ist Margot Friedländer im letzten Jahr ganz zurückgekehrt. Schon seit Jahren hilft sie mit, dass die Gräuel nicht in Vergessenheit geraten.

Im Januar 1943 wollte sie eigentlich mit Mutter und Bruder aufs Land fahren, um unterzutauchen. Doch Stunden vor ihrer Rückkehr von einem Arztbesuch wurden Mutter und Bruder aus der Kreuzberger Wohnung abtransportiert. Sie wurden, wie vorher schon ihr Vater, im KZ Auschwitz ermordet. Margot Bendheim, wie sie damals noch hieß, blieb von der Mutter nur noch ein Zettel mit den Worten: „Versuche, dein Leben zu machen.“ Viele Jahrzehnte später einmal wird das der Titel ihrer Autobiografie.

Um nicht erkannt zu werden, unterzog sie sich sogar einer Nasenoperation, aber das half nicht. 1944 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Dort lernte sie ihren späteren Mann Adolf kennen. Nach der Befreiung 1945 heirateten sie und gingen 1946 nach New York, wo sie über 60 Jahre lebten. Ihr Mann starb 1997. Erst 2003 kam sie auf Einladung des Senats zum ersten Mal zurück nach Berlin.

Seit ihr Film „Don’t call it Heimweh“ 2005 das Jüdische Filmfestival eröffnete, kam sie regelmäßig nach Deutschland, traf Freunde, sprach vor Schulklassen, in Bibliotheken und in Jugendeinrichtungen. Im Frühjahr vorigen Jahres ist sie ganz zurückgezogen nach Berlin, wohnt jetzt in einem Seniorenheim in der Passauer Straße, nicht weit entfernt von dem Ort, wo sie einst verhaftet wurde. Warum sie zurückgekommen sei, wurde sie von Schülern gefragt. Ihre Antwort: „Ich bin eigentlich nicht nach Deutschland oder Berlin zurückgekommen, sondern zu meinen Freunden.“ Spät in ihrem Leben hat sie ihre neue Mission entdeckt. Sie will jungen Menschen klarmachen, dass sie die Verpflichtung haben, dafür zu sorgen, dass so etwas, was ihr geschehen ist, nie wieder passiert.

Kerzengerade stand sie an ihrem 90. Geburtstag letzten Samstag im Foyer der Deutschen Oper und begrüßte ihre Freunde mit überraschend festem Händedruck. An ihrer Seite stand Thomas Halaczinsky, der New Yorker Produzent des Films über ihr Leben: „Don’t call it Heimweh.“ So fit wie mit 85 sei sie nicht mehr, sagte sie. Aber ihre Vorträge sind immer noch gefragt. Und an ihrem Geburtstag bleibt sie bis spät abends in der Oper, obwohl sie in der Nacht schon in den Tag hineingefeiert hat. Ist sie glücklich? Sie antwortet: „Ich bin überrascht und erfreut.“ Elisabeth Binder

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