Abschied von Bärbel Bohley : Eine Heldin, die keine sein wollte

Bewegender Abschied: In der Akademie der Künste und in der Gethsemanekirche nehmen Freunde und Weggefährten Abschied von der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley.

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Rund fünfhundert Weggefährten und Freunde nehmen bei einem Trauergottesdienst in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg von der verstorbenen Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley Abschied. Foto: dapdAlle Bilder anzeigen
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26.09.2010 08:46Rund fünfhundert Weggefährten und Freunde nehmen bei einem Trauergottesdienst in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg von der...

Eine Szene aus den neunziger Jahren: Bärbel Bohley sitzt kerzengerade auf ihrer Couch, spricht ein Statement in die Kamera, hält plötzlich inne, prustet los, schämt sich, sinkt zurück, lacht…: „Aus mir wird nicht so’n Medientyp.“ Das Lachen überträgt sich in den großen Saal der Akademie der Künste am Pariser Platz. Rund 400 Menschen waren am Samstagabend gekommen, um der verstorbenen DDR-Bürgerrechtlerin und Ikone der friedlichen Revolution zu gedenken. Einen Tag später, zur Trauerfeier in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, sind es noch einige mehr, die an ihrem Sarg Abschied nehmen.

„Sie wirkte eminent politisch und war doch so antipolitisch“, sagte ihr Weggefährte, der Molekularbiologe Jens Reich, in der Akademie. Sie habe nicht in Strategien und Konzepten gedacht, sondern „spontan und chaotisch“, und habe nach außen mit überraschenden Äußerungen gewirkt, die prägend wurden für die gesamte Wendezeit: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“

Die Schauspielerin Katrin Saß zitierte Passagen aus Artikeln und Schriften, die Bärbel Bohley hinterlassen hat. Darin verwahrt sich die ehemalige Kunstmalerin gegen jede Vereinnahmung, auch der einer „Heldenrolle“, die ihr von vielen Zeitgenossen zugesprochen wird. „Diese historische Rolle lehne ich einfach ab.“ Punkt. Dabei war sie tatsächlich eine „Unerschrockene“, die über Bedenken mit einem Lächeln hinwegging, erinnert sich die Künstlerin Hannelore Offner, die in den frühen achtziger Jahren mit Bohley die „Frauen für den Frieden“ gründete. Woher kam diese Furchtlosigkeit? Als Trümmerkind, 1945 geboren, entwickelte Bohley ein „Grundvertrauen“, das irgendwie alles ins Lot kommt, wenn man sich nur gegenseitig hilft. Sie hatte gelernt, mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Schon auf der Kunsthochschule in Weißensee zeigte sie ihre „Eigenwilligkeit, die uns andere geradezu einschüchterte“, erzählt ihre damalige Kommilitonin Irena Kukutz.

Als Malerin war Bohley in der DDR anerkannt, scherte sich aber nicht weiter um Privilegien, die sich daraus hätten ergeben können. Stattdessen fotografierte sie die verwahrlosten Höfe rund um ihre Wohnung in Prenzlauer Berg und schickte die Bilder an die „Berliner Zeitung“.

Politisches und Familiäres floss zu einem fröhlichen Miteinander in Bärbel Bohleys Küche zusammen. Dort wurde diskutiert, getrunken und gefeiert. Ihre Küche war die Schaltzentrale des Neuen Forums im Wendeherbst. Später, als die Rufe nach der D-Mark immer lauter werden, ist es schon nicht mehr ihre Revolution. Auf der Trauerfeier würdigte Pfarrer Gisbert Mangliers vor allem ihre Selbstlosigkeit, ihr Nicht-Sorgen um das eigene Leben. Was sie tat, habe sie „nicht als Christin“ getan, aber im besten Sinne der Bergpredigt. Thomas Loy

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