Berlin : Abschied von einer Freundin

Zahlreiche Berliner trugen sich in das Kondolenzbuch für Rut Brandt ein

Matthias Jekosch

„Es fehlt etwas“, findet Dorothea Garcia-Cerro. Die Berlinerin hatte ihre Einkaufstüten vor dem Tisch abgelegt und sich dann viel Zeit gelassen, um Abschied zu nehmen. In das Kondolenzbuch für Rut Brandt wollte sie nicht nur ihren Namen schreiben, sondern sie hat auch eingetragen, dass sie die gebürtige Norwegerin für „etwas ganz Besonderes“ hält.

So wie Dorothea Garcia-Cicero hatten viele zumeist ältere Berliner, die Rut Brandt noch an der Seite Willy Brandts als First Lady Berlins von 1957 bis 1966 erlebt hatten, das Bedürfnis, zu kondolieren. Den Anfang machten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Parlamentspräsident Walter Momper und der Gesandte der norwegischen Botschaft, Andreas Gaarder. „Die Stadt hat eine gute Freundin und Botschafterin verloren“, sagte Wowereit. Nicht nur die Berliner wissen, was sie an ihr hatten. Evelyn Rudolph kommt aus Kiel und wollte die Gelegenheit wahrnehmen, persönlich Abschied zu nehmen: „Von ihrer ganzen Art her war sie eine ganz tolle Frau“, sagt sie. Das Buch ist voll von Worten des Lobes. „Danke für alles“, steht in geschnörkelter Schreibschrift auf dem blendend weißen Papier, das sich schnell füllt. Name für Name reiht sich untereinander, bis das volle Blatt für ein neues zur Seite gelegt wird. Alle guten Wünsche bekommt die Familie der Verstorbenen auf der Beerdigung überreicht, für die es noch keinen Termin gibt. Bis einen Tag vorher soll man sich ins Buch im Roten Rathaus eintragen können. Es war noch nicht ausgelegt, da standen die ersten Menschen Schlange. Punkt 16 Uhr war aber alles bereit: Der Tisch, über den eine dunkelblaue Decke gelegt ist. Darauf das Nelkengesteck, die große Kerze, das Papier – alles in Weiß. Daneben steht ein gerahmtes Foto der Verstorbenen.

Nach ihrer Scheidung von Willy Brandt 1980 hatte sie lange Zeit in Norwegen gelebt.Vor zwei Jahren erst ist sie nach Berlin zurückgekehrt, wo sie in einem Altersheim lebte, in dem sie am Freitag mit 86 Jahren verstarb. Noch im vergangenen Jahr hatte Wowereit eine „wunderbare Begegnung“ mit ihr, wie er sagt. „Sie hat deutlich gemacht, dass Berlin ihre Heimat ist und hat sich in ihren letzten zwei Jahren ihr Leben zwischen Norwegen und Berlin aufgeteilt“, erzählte er.

Auch andere Berliner erinnern sich noch an persönliche Begegnungen. Dorothea Garcia-Cerro traf das junge Paar Brandt vor etwa 50 Jahren in einem Ferienhaus ihres Vaters im Allgäu. „Die beiden haben den ganzen Tag versucht, die zehn Kilometer entfernte österreichische Grenze zu finden.“ Vergeblich. Rut Brandt hatte andere Tugenden als Geographiekenntnisse. „Durch ihre Freundlichkeit hat sie mich tief beeindruckt“, erinnert sich Dorothea Garcia-Cerro.

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