Abschied von Tissy Bruns : Andreas Schorlemmers Ansprache

Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen,
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.
(Rainer Maria Rilke)

Tissy Bruns – die Stimme
die Wahrheit bedarf einer Stimme
die Gerechtigkeit bedarf einer Stimme
die Hoffnung bedarf dieser Stimme
Tissy Bruns deckte diesen Bedarf ab
sie ist, in Gewissheit und Zweifeln, ohne jemals stehen zu bleiben, den Grad zwischen Findung und Erfindung von Wahrheit, Gerechtigkeit und Hoffnung mit offenen Augen abgeschritten
vor einem Sturz in die Tiefe blieb sie bewahrt
auch Gott bedarf einer Stimme
ihre Stimme war nicht seine Stimme
aber mit ihrer Stimme wurde sie seiner gerecht
Suchet der Stadt Bestes – die Worte auf dem Buch des Propheten Jeremia gelten

Tissy Bruns war keine Gläubige im Sinne kirchlichen Selbstverständnisses
das liegt nicht an dem ethischen Manifest, das Jesus, der Menschensohn, um die wundgelegene Menschlichkeit zu heilen, vorgegeben hat
das liegt an dem sich nicht verändern wollenden Gottesbild
das sich immer schwerer mit der sich verändernden Welt abgleichen lässt
sie lebte einen evangelischen Atheismus
evangelisch, weil ihr die evangelischen Grundaussagen der Bergpredigt nicht nur geläufig, sondern lebenswert erschienen
atheistisch, weil sie an der Allmacht des Gottesbild mit ihrer Glaubenskraft
scheiterte
aber dieses Scheitern soll nicht ihr Leben beschließen
sondern im Letzten aufgebrochen werden, wenn wir heute an ihrem Sarg das Vaterunser beten und Gottes Segen über ihrem Leben ausrufen

Andreas Schorlemmer ist Pfarrer und Polizeiseelsorger.

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