Abschied von Tissy Bruns : Julia Albrechts Ansprache

Tissy hat am 1. Februar, da ahnte man das selbst noch nicht und wollte es nicht hören, als sie es sagte, gesagt: Ich werde in 10 oder 20 Tagen sterben. Da waren es noch 10 Tage bis Tim wieder kommen würde. Und noch 20 Tage bis zu ihrem Tod.

Etwas davor, da war Tissy noch im Krankenhaus, in diesem Furcht einflößenden, herunter gekommenen Benjamin-Franklin-Bettenhaus, wo sie sich nur mit entschiedener Hilfe vom Bett zum Bad bewegen konnte, wo sie an Schläuchen hing, sagte sie: Findest Du, dass ich in meinem Zustand noch für andere gut sein kann? Das war eine schwere Frage, aber nur im ersten Moment. Ich habe ihr geantwortet, dass sie allen um sie herum, Viel gäbe, weil es gut sei, bei ihr zu sein. Es war gut bei ihr zu sein. An allen Tagen. Auch als es ihr unglaublich schlecht ging. Auch in dieser traurigen und jammervollen Zeit ihres Sterbens. Und man weiß es eben nicht, wann jemand stirbt.  

Was Jochen und Tim und Geli, die Schwester von Tissy, in diesen letzten Wochen für Tissy möglich gemacht haben, hat mich zutiefst berührt. Jochen hat es durch diese entsetzlich rasante Entwicklung der Krankheit geschafft alles so zu gestalten, dass Tissy geborgen war. Er hat sie gebettet, wenn es zu seiner Aufgabe geworden war, er hat ihr beim Gehen geholfen, sie haben die Frage nach einem Hospitz diskutiert und er hat Tissy ermutigt, zu Hause zu bleiben. Er hat immer rechtzeitig die hardware besorgt, die Tissy brauchen würde, ohne sie je auch nur für einen Moment zu entmündigen. Und er hat die richtige Ärztin als Ratgeberin und Hilfe besorgt für die letzte Zeit. Das ist alles nicht selbstverständlich. Die Entscheidung, den Mut aufzubringen, jemanden zu Hause sterben zu lassen, ist eine große und wäre für andere eine schwere Entscheidung gewesen. Jochen und Tim war das möglich.

Ein gutes Stück weit hat auch Tissy das möglich gemacht. Durch ihre Gabe nicht nur aufgeschlossen zu sein, sie war ohne Hadern fast durchgehend durch die Monate ihrer Krankheit. Das klingt nach Trauerrede. Aber tatsächlich, das war sie. Sie hat nicht gehadert.  Und sie war nicht verzweifelt, oder, besser, sie konnte ihre Verzweiflung doch immer wieder transformieren in etwas, was noch vermittelbar war. Sie hatte grauenhafte Operationen, aber die meine ich noch nicht mal, es ging ja ums Sterben, die letzten Monate und Wochen und Tage. Und Tissy wusste das immer, auch wenn die anderen das nicht denken konnten, und es wurde immer enger. Sie hat es irgendwie geschafft, dass man mithalten konnte. Es bleibt eine Überwindung für die Gesunden, sich mit dem Ende zu konfrontieren. Aber welche Kraft muss sie gehabt haben, einen, die Menschen, die den Weg mit ihr gehen wollten, mitzunehmen. Aber Jochen und sie und Tim haben bis zum letzten Moment den Menschen, denen daran lag und an denen Tissy lag, zu ihr gelassen, sie dabei begleitet, Abschied möglich gemacht.

Es gab grauenhafte, entwürdigende Situationen im Krankenhaus, Nächte dort, deren Bericht einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Aber sie hat das so tapfer gemacht. Sie konnte davon berichten, und irgendwie hatte sie es da schon in ihr Leben integriert. Ich weiß nicht, ob das Optimismus ist. Aber eine freundlich, positive Einstellung zu allem, was ihres Weges kam, eben die Fähigkeit zu transformieren.

Die Nachrufe zeichnen unisono eine auch im Politischen mutige Frau. Mich hat das Private fast mehr interessiert, dabei hatten wir uns beruflich bei der taz in Bonn kennen gelernt. Tissy hat sich für das Private genau so interessiert, wir für das Politische. Sie hat bis zum letzten Gespräch sich erkundigt, wie es ihrem Gegenüber ging. Auch in den beruflich aktivsten und beanspruchensten Zeiten stand Tim emotional und ausgesprochen immer an erster Stelle. In Bezug auf ihre Kollegen war das Ereignis, das ein Kind erwartet wurde und kam, zentraler als wichtige Ereignisse auf dem politischen Parkett. Es gab Kolleginnen und Kollegen, die sie schlecht behandelt, ihr nichts gegönnt, ihr nicht zur Seite gestanden haben, wenn es ihre Aufgabe gewesen wäre.
Was ich tröstlich finde? Tissy hat verziehen, immer wieder, und sie war, vermute ich, mit niemandem mehr im Unreinen. Und: Sie hat, obwohl sie viel zu kurz gelebt hat, ein wirklich erfülltes Leben gelebt.

Julia Albrecht ist Journalistin und Buchautorin.

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