Abschied von Tissy Bruns : Klaus Naumanns Ansprache

Über Tissy Bruns (1951 – 2013)

And if I laugh at any mortal thing,
'T is that I may not weep…
Lord Byron, Don Juan, Canto IV, 4.

Lieber Jochen, lieber Tim,
liebe Angehörige, Freundinnen und Freunde,
verehrte Anwesende,

über Tissy Bruns zu sprechen fällt mir schwer, und gleichzeitig bin ich froh, das tun zu dürfen.

Vor gut vier Jahrzehnten, Anfang der Siebzigerjahre, lernte ich Tissy kennen. Wir teilten lange Wegstrecken unseres Lebens, nicht nur weil wir ungefähr gleich alt waren. Wir teilten sie auch in unseren frühen Ambitionen und Irrtümern und den folgenden Enttäuschungen und den noch späteren Einsichten.

Um Tissy nahe zu bleiben, musste man nicht am gleichen Ort sein. Die erstaunliche Erfahrung bestand gerade darin, das wir auch nach Unterbrechungen, manchmal von Jahren, dort weiter reden konnte, wo wir seinerzeit aufgehört hatten. Das lag zu allererst an Tissys Lebendigkeit, ihrer Direktheit, an ihrer ungebremsten Anteilnahme und an ihren Fragen. Keine Seltenheit waren Gesprächseröffnungen wie „Was sagst du zu…?“ oder „Hast du schon gehört, dass…?“. Möglich war diese Verbundenheit, weil wir – wie etliche hier – einen gemeinsamen Erfahrungsraum bewohnten.

Diesen Raum möchte ich mit euch gemeinsam noch einmal betreten. Und ganz im Sinne von Tissy will ich das mit Blick darauf tun, was ihr Leben uns sagt; nicht um daraus ein Glaubensbekenntnis zu machen, sondern um sie und uns selbst darin wieder zu erkennen.

Wer von seiner Herkunftsfamilie sagen konnte, an ihr sei „alles kaputt“ gewesen, wer beklagen konnte, „unbehütet“, „ohne Orientierung“ und „Vorbild“ aufgewachsen zu sein, der war in den Endsechzigerjahren ein Kandidat für die studentische Protestbewegung. Die Sehnsucht nach dem „anderen Leben“, das konnte man bei Tissy immer wieder heraushören, verbündete sich mit dem starken Wunsch, dem alten Leben zu entkommen. Und bisweilen war unklar, was davon Aufbruch und was Flucht war. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie viel wir uns vom kommunistischen Milieu, seinen Macht- und seinen Deutungsangeboten versprochen hatten – und wie eng dann Selbstermächtigung und Unterwerfung, Größenwahn und Anpassungsbereitschaft beieinander lagen. Am Ende empfand Tissy ein „Erschrecken über sich selbst“. Nichts sprach mehr für ihre Warmherzigkeit und ihr Verantwortungsgefühl, dass die Geburt ihres Sohnes Tim zum Wendepunkt ihres – und Jochens! – bisherigen Lebens wurde. Die Formel dafür hat sie selbst geprägt. Diese Geburt, sagte sie einmal, war der Anstoß, der von nun an „dem gesunden Menschenverstand größere Geltung“ verschaffte „als den vielen Ausreden.“

Der tiefere Sinn dieses Satzes – dem Common Sense größere Geltung zu verschaffen als den vielen Ausreden – besteht für mich darin, dass Tissy damit eine Grundhaltung beschrieb, die das private und zugleich das öffentliche und das Berufsleben einbegriff. Darin liegt, wie mir scheint, das Leitmotiv für die journalistische Ausnahmerolle, die sie sich seit den neunziger Jahre erarbeitete. Nicht allein, dass sie neugierig war, genau hinsah, verstehen wollte und urteilen konnte; nicht allein, dass sie sich in der Welt des Journalismus ebenso zu Hause fühlte, wie im politischen Geschäft – den Ausschlag gab erst ihre Haltung einer nachfragenden Anteilnahme und einer kritischen Distanz, der den Personen wie den Problemen gerecht werden konnte, ohne die eigene Position zu verleugnen. Entstanden ist daraus eine ganz unverwechselbare Mischung aus Zuwendung und Streitbarkeit, aus Urteilsschärfe, und – das auch! – aus Demut: Das war jedenfalls einer der rar gewordenen Begriffe, den Tissy immer wieder einmal zum Erstaunen des Publikums in den Mund nahm.

Einem geläufigen Narrativ folgend könnte man diese Lebenswende als späte Ankunft in der Wirklichkeit und als Versöhnung mit der Welt begreifen. Das ist durchaus nicht falsch. Aber Tissy, so stelle ich mir vor, würde darauf vielleicht mit Hannah Arendt geantwortet haben, dass man die Welt liebt, an der man doch zugrunde geht, weil sie letztlich stärker ist als man selbst. Tissy’s Schlussfolgerung war ein Journalismus der Sorge. Für den gab es keine großen oder kleinen Themen, sondern nur wichtige und unwichtige. So konnte ihr die Lage der Kinder, wie sie immer wieder hervorgehoben hat, ebenso zum Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft werden wie die „Misstrauensgemeinschaft“ zwischen Politik und Medien zum Indikator für die Krise des Politischen. „Normalität“ oder „Normalisierung“, die viel benutzten Formeln der Berliner Republik, waren und blieben für sie immer auch prekäre Bezeichnungen.

Dahinter stand eine Fähigkeit, die sie sich aus den Zeiten des Bruchs mit dem kommunistischen Milieu bewahrt hatte. Das war die Fähigkeit zu erschrecken, die ein Ausdruck des Vermögens ist zu staunen – über das Unvorhergesehene und das Beängstigende in den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts. Das Erschrecken zu einer politischen Tugend zu machen, die ganz im Urteilsvermögen (im Common Sense) wurzelt, das war ihre Antwort darauf, dass die Welt wie wir sie kannten, angesichts einer entgrenzten Finanzwirtschaft, drohender Staatsbankrotte, der grassierenden Staatsverachtung, angesichts „ermatteter Demokratien“ und einem galoppierenden Verlust des Primats der Politik – dass diese Welt droht aus den Fugen zu geraten.

Schloss sich damit der Kreis? War sie am Ende wieder dort angekommen, wo sie in den siebziger Jahren aufgebrochen war – in Weltzweifel und Protest? Auch das wäre ein Schluss, der Tissy nicht gerecht wird. Gewiss, auch alte Fragen tauchten wieder auf, aber die Antworten, die Modelle und Vorbilder, die Wege und Methoden würden andere sein müssen als damals. Selbst die Träume hatten sich verändert.

Nicht wie man alles besser macht, sondern mit welcher Haltung man der Welt gegenübertritt – im Kleinen wie im Großen. Das konnte man von Tissy Bruns lernen.

Klaus Naumann ist Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar