Berlin : Absolute Spitze

Was verbindet Buckow, den Wrangelkiez und Staaken? Die Vorliebe der Wähler für eine Partei

Jan-Martin Wiarda

Die Hochburg der Berliner CDU hat 12 Stockwerke, eine Fassade aus verwitterten Fertigplatten, und ganz unten, an ihrem Fuß steht ein grauer Supermarkt mit gelbem Schriftzug: „Niedrige Preise – clevere Kunden“. Hier in den Wohntürmen von Buckow, ganz im Süden Neuköllns, haben die Christdemokraten bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl ihr berlinweit bestes Ergebnis erzielt: 50,8 Prozent. Deprimierend war das Abschneiden für die Grünen: Gerade 1,4 Prozent konnten sie für sich verbuchen.

Eine Gegend für Menschen, die den hart erarbeiteten, bescheidenen Wohlstand in einer Neubauwohnung genießen wollen. Früher endete West-Berlin hier an der Mauer, von den Hochhäusern, die die Stadtplaner Anfang der Siebziger am Mollnerweg hochgezogen haben, hatten sie freien Blick hinüber zu den LPG-Schweineställen von Großziethen. „Schön war’s hier vor der Wende“, sagt die alte Frau. „Alles ganz ruhig, und im Schöneberger Rathaus saß der Diepgen.“ Ihre Nachbarin mit dem silbernen Brillengestell nickt. „Das war einer von uns. Der Wowereit, ich weiß auch nicht, was die alle an dem finden. “ Klar wissen sie, dass ihr Stimmbezirk der beste für die CDU war vor fünf Jahren, aber beide glauben: „Diesmal wird das nichts mehr. Wir alleine können das nicht schaffen.“ Die Frauen zucken die Achseln, fast synchron, und schieben ihre Einkaufswagen weiter.

Christiane Keil, 25, stützt sich auf die Theke im Zeitungsladen ein paar Meter weiter. Früher, erzählt sie, sei das hier eine reine Rentnergegend gewesen, damals, als der Betonbau gegenüber noch ein Altenheim war. Heute leben in der Gegend viele Einwanderer, Türken, vor allem aber Russlanddeutsche. Ein Stimmbezirk im Umbruch. Keil packt einen neuen Stoß russischer Zeitungen in den Ständer. „Wir haben uns angepasst“, sagt sie.

Zehn Kilometer und ein paar Welten entfernt sitzt Alexander Heller-Elspass in seiner Küche, die früher ein Geschäft war, steckt sich eine Zigarette an und schaut hinaus auf die Görlitzer Straße. „Nee, bei uns kriegt die CDU kein Bein auf den Boden“, sagt der taz-Mitgründer und lächelt zufrieden. „Hat sie nie. Wird sie nie.“ Der Kreuzberger Wrangelkiez, das einstige Mekka der Hausbesetzerszene, in dem Heller-Elspass seit über 30 Jahren lebt, gehört den Linken. Nirgendwo sonst in Berlin haben so viele Wähler für die Grünen gestimmt bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl: 37,9 Prozent. Der Kiez mit den Hinterhof-Werkstätten, den antifaschistischen Bücherläden und den beschmierten Altbau-Fassaden ist die perfekte Antithese zu den Hochhäusern von Buckow, die CDU ist hier letztes Mal in einigen Ecken bei unter zwei Prozent gelandet. Doch auch hier deuten sich Veränderung an. Seit die neuen Clubs in der Schlesischen Straße und drüben auf der anderen Spreeseite in Treptow aufgemacht haben, stürmen Studenten den Kiez der Altlinken. Heller-Elspass findet das gut. „Vorher standen hier doch viele Läden leer. Jetzt kommen die Designer und jungen Kreativen. Ist besser so – auch wenn sie unpolitisch sind.“

Diesmal könnte die CDU immerhin ein paar Stimmen mehr einfahren, denn mit Sedat Samuray hat sie einen ungewöhnlichen Direktkandidaten aufgestellt. Der 54-jährige Deutschtürke ist ein umgänglicher Typ, der viel lächelt und von Ausgleich redet. Wahrscheinlich muss man so sein, wenn man als Christdemokrat hier eine Chance haben möchte. „Mir macht dieser Wahlkampf richtig Spaß“, sagt Samuray. Mit den Leuten umgehen, das liegt dem studierten Sozialpädagogen, der sich Mitte der Neunziger als Immobilienmakler in Kreuzberg selbstständig gemacht hat. Gute Wahlchancen rechnet sich der stämmige Mann vor allem unter den etwa 10 000 eingebürgerten Türken in seinem Wahlkreis aus. „Die CDU ist die einzige Partei, die ihr Weltbild und ihre Werte auf dem Glauben gründet. Das ist sehr attraktiv für viele Moslems.“

Um die Familie – genauer gesagt: die Arbeiterfamilien – ging es auch vor 90 Jahren, als die Gartenstadt Staaken im äußersten Westen gebaut wurde. Ein paar Meter weiter streckte sich die Fläche des Luftschiff-Flughafens, viele fanden dort Arbeit. Einstöckige graue Häuser reihen sich aneinander, hinter jedem liegt ein kleines Stück Garten. Das kleinbürgerliche Arbeitermilieu hat sich in der Gartenstadt gehalten und beschert den Sozialdemokraten bis heute ihre Lieblingszahl: 50,8 Prozent.

Heinz Borchart ist 84, doch das sieht man ihm nicht an. „Das macht die Luft hier draußen“, sagt der ehemalige Postbeamte mit den schlohweißen Haaren. Borchart ist stellvertretender Wahlleiter im Bezirk, seit vielen Jahren schon. „Wir sind hier noch eine große Gemeinschaft“, sagt er. „Jeder kennt jeden.“ Und irgendwie sind ja auch alle gleich hier in der Siedlung mit ihren 1400 Genossenschaftsmitgliedern, die alle zur Miete wohnen in ihren Häusern und die ihnen doch irgendwie gehören. Ein Stück heile SPD-Welt, und das, versichert Borchart, wird auch bei der Wahl am Sonntag so bleiben.

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