Berlin : „Abstrus und intellektuell dehydriert“

Wie Berliner Integrationsexperten Sarrazins Thesen zu muslimischen Einwanderern bewerten

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

So ganz heimisch ist der frühere Finanzsenator Thilo Sarrazin nicht mehr in Berlin. Aber mehr Distanz zu seinen provokanten Thesen über Migranten aus islamischen Kulturkreisen hat der Bundesbankvorstand durch sein Pendeln vom Wohnsitz in Charlottenburg zum Frankfurter Dienstsitz nicht gewonnen. Der Vorabdruck seines Buches „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ fokussiert die Debatte über die Bildungsnähe muslimischer Migranten auf seine Person, statt auf Strategien zur Integration, heißt es allerorten.

Die frühere Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz (Grüne) sagt: „Es reicht nicht aus, die Probleme mit Lust an der Provokation lauthals zu beklagen.“ Sarrazin müsse sich fragen lassen, was er zu deren Bewältigung tue. Auch Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) spreche teilweise in „harschem Ton“ die Probleme an, ebenso wie die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig. Beide hätten dies aber immer mit dem Ziel getan, eigene Integrationsstrategien durchzusetzen. Volkholz ist Vorsitzende des Bürgernetzwerkes Bildung, das 1900 Lesepaten mobilisiert, die Schüler mit hohem Migrantenanteil beim Spracherwerb unterstützen.

Buschkowsky selbst sagt: „Thilos Annahmen sind unhistorisch“. Sarrazins Szenario rechne ohne die unausweichliche Ausrichtung des Bildungssystems auf die wachsende Zahl bildungsferner Kinder: durch Kita-Pflicht und Ganztagsschulen. „Die Gesellschaft wird reagieren, wenn auch zu langsam.“

Sarrazin sei „intellektuell dehydriert“, indem er Migranten pauschal Integrationswilligkeit abspricht, sagt CDU-Chef Frank Henkel. Es gehe Sarrazin gar nicht um Integration, denn schon als Finanzsenator habe er dafür keinen Finger krumm gemacht. „Stattdessen hat er Jugendeinrichtungen dicht gemacht und an Bildung und Erziehung gespart, an Infrastruktur also, die uns heute fehlt“, sagt Henkel.

„Überspitzungen und Provokationen mit stigmatisierenden Charakter“ rücken Sarrazins Theorie nahe an rechtspopulistische Äußerungen, meint Linken-Fraktionschef Udo Wolf. Während Buschkowsky und Heisig „nahe an den realen Problemlagen“ seien, stehe Sarrazin nahe an der Grenze zur Volksverhetzung. Die angeblich große staatliche Last durch Sozialleistungen für Migranten kontert Wolf so: „Vor fast 50 Jahren hat die Wirtschaft Ausländer aufgerufen, nach Deutschland zu immigrieren. Es ist unverschämt, deren Aufbauleistung jetzt gering zu schätzen.“

Die integrationspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion Mieke Senftleben sagt: „Es ist falsch, immer die Negativbeispiele hervorzuholen, wir sollten die Migrationsvorbilder hervorheben.“ Nicht nur Fußballstars wie Mesut Özil, sondern auch „die große Zahl der Schul- und Studienabgänger, der Arbeitnehmer und Selbstständigen oder der fürsorglichen Eltern“. Ähnlich argumentiert der Vorsitzende des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg Safter Cinar hin: „Die Zahl der türkischstämmigen Abiturienten und Hochschulabgänger wächst jährlich.“ Im türkischen Branchenbuch stünden über hundert Anwälte, die Hälfte davon Frauen.

Der Migrationsrat in Berlin-Brandenburg rief zur Unterzeichnung eines Protestbriefes auf gegen den Auftritt von Sarrazin im Haus der Kulturen der Welt am Mittwoch. Dort will er um 18 Uhr aus seinem Buch vorlesen.

SPD-Integrationsexpertin Ülker Radziwill diagnostiziert „eine gewisse Form von Hass gegen bestimmte Gruppen, verbunden mit Angst“. Seine „holzschnittartige Draufsicht“ berücksichtige staatliche Hürden für Integrationswillige nicht: dass Schulabschlüsse nicht anerkannt oder die Arbeitserlaubnis verweigert werde.

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