Berlin : Absturz der Mir: Spiel MIR das Lied vom Tod

Christian Domnitz

Damit hat er wohl nicht gerechnet, als er im vergangenen Jahr die Luke der Raumstation hinter sich schloss: Mir-Kosmonaut Alexandr Kalerij wird zum Popstar. Seine russischen Funksprüche zur Erde laufen auf dem neuen "Titelsong zum Absturz der Mir", und Kalerijs Lied könnte vielleicht so berühmt werden wie einst "Fred vom Jupiter".

In der Nacht zum Donnerstag hatte der Song Premiere: Auf der "Good-bye-Mir"-Party in der Diskothek "Chip" am Gendarmenmarkt. Seine melodisch-technischen Klänge erinnern an die Musik zu "Titanic" und "Das Boot", was Absicht ist: Er soll die "Trilogie der berühmtesten Schiffe der Welt" vollenden - die ersten beiden sind schon untergegangen. Über kosmischen Klängen mit viel Hall klingt Kalerijs Stimme: "Hallo Moskau, hier spricht die Mir. Hier ist alles in Ordnung. Alle Systeme arbeiten." Und eine Blondine summt dazu live auf der Bühne. "Danke, Mir", sagt Kalerij zum Ende, "lange warst du unsere Heimat". In einer Zweitversion der Hymne, dem "Armageddon Edit", knallt und kracht es: So soll es klingen, wenn die Module beim Eintritt in die Atmosphäre zerbersten und ihre Trümmer zischend in den Ozean stürzen.

Weltraum-Nostalgie: Unterlegt von atmosphärischen Melodien erklärt Veranstalter und Soundtrack-Produzent Ralf Heckel, dass die Raumstation viel zu schade sei, um am Freitagmorgen einfach in den Pazifik zu fallen. Er hält ein Plastikmodell in den Händen, erklärt die einzelnen Module, scheint fast verliebt in Silberhaut und Sonnensegel. Er sagt, dass die Störanfälligkeit nur eine Erfindung der westlichen Medien sei: Denn die 1600 Mir-Pannen verteilten sich über 3,4 Milliarden Flugkilometer, und mit einem Störfall auf 2 Millionen Kilometer sei sie sicherer als Flugzeug, Bahn und Schiff. Heckel setzt sich eine russische Offiziersmütze auf und gibt ein Fernsehinterview.

Kosmonaut Kalerij sitzt an der Bar: Am Vortag war er Gast einer Weltraumkonferenz, morgen folgt das Sightseeing: Er wird sich Schloss Sanssouci anschauen und Schloss Cecilienhof, den Ort, an dem die vier Sieger des Zweiten Weltkriegs das Potsdamer Abkommen unterzeichneten. Die Disco "Chip" im Keller des Hilton-Hotels findet er ganz amüsant. Sergej Zaletin, Kosmonaut in Kalerijs Crew, und Walerij Bykowskij, der sowjetische Weltraumheld der 60er Jahre, sind auch da und bekommen Applaus. An einem Promo-Stand gibt es Kissen zu kaufen mit Raketen drauf: "Weltraumträume". Auf T-Shirts gedruckt ist die russische Weltraumfähre "Buran", die nur ein einziges Mal ins All startete. "Aber sie ist viel schöner als die Discovery", sagt ein Verkäufer. "Wir haben viele amerikanische Gäste gehabt auf der Mir", erinnert sich Kalerij. "Sie sind gut, arbeiten sehr professionell. Manchmal sprechen sie eine andere Sprache als wir. Aber schön war es doch."

Auf der Videoleinwand im "Chip" laufen Originalaufnahmen aus der Mir: Ein amerikanischer Astronaut spielt ein Liedchen auf der Gitarre und drei Russen schauen zu.

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