Berlin : Abtauchen im Sofa

Buchhändler Heinrich Hugendubel stellte 1979 die ersten Leseinseln auf Filialleiterin Claudia Ordelmans findet sie genial

D Christoph Stollowsky
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Reif für die Inseln. Im Buchkaufhaus an der Tauentzienstraße kann man sich auf den Leseinseln für ein Weilchen vom Alltag...

Jetzt verrate ich erst einmal, warum ich bei uns besonders gern Rolltreppe fahre. Man überblickt dabei wunderbar unsere Leseinseln in der ersten, zweiten und dritten Etage. Die sind architektonisch so geschickt eingebaut, dass sie wirken wie schwebende Ufos. Wenn ich nun auf den Treppen hinauf- oder hinabgleite, genieße ich immer wieder die Bilder von Ruhe und Entspannung. Ganz unterschiedliche Leute sitzen total relaxt auf den Bänken der Leseinseln und blättern in Büchern, die sie interessieren. Für einen Moment haben sie sich vom Alltag verabschiedet. Natürlich ist für mich jedes Mal ein Wermutstropfen dabei. Selbst bin ich ja meist in Eile.

Ich leite seit vier Jahren die Hugendubel-Filiale an der Tauentzienstraße. Der Job macht Spaß, hält aber auch auf Trab. Bücher habe ich schon als Kind geliebt, daher fasziniert mich die Branche. Dennoch bin ich zufällig als Quereinsteigerin zum Buchhandel gekommen. In den neunziger Jahren habe ich in Würzburg Romanistik und Slawistik studiert und nebenher gejobbt. Eben bei Hugendubel. So bin ich langsam in die Firma hineingerutscht. Vor zwölf Jahren wechselte ich nach Berlin, war Abteilungsleiterin, später Filialleiterin in Neukölln und an der Friedrichstraße und inzwischen hier in der West-City. Hin und wieder schaffe ich es aber doch, ein bisschen Muße zu finden. Dann bin ich reif für die Buchinseln, suche mir ein schönes Plätzchen mit einem Lieblingsautor – zum Beispiel Matt Ruff.

Unsere Buchhandlung wurde 1889 in München gegründet. Bis in die späten siebziger Jahre gab es nur das Stammgeschäft am Salvatorplatz. Doch 1979 eröffnete der damalige Geschäftsführer Heinrich Hugendubel ein Buchkaufhaus. So etwas gab es bis dato in Deutschland noch nicht. Seither expandierte der Familienbetrieb zu einer bundesweiten Kette. Und schon im ersten Buchkaufhaus am Münchener Marienplatz gab es 1979 Leseinseln. Die hatte sich Heinrich Hugendubel gleichfalls ausgedacht. Bücher zu kaufen sollte zum Erlebnis werden.

Auf den blauen Polstern und roten Kissen der Leseinseln kann es sich jeder richtig bequem machen. Hier habe ich das Gefühl, zurückgezogen zu sitzen, wie von einer beschützenden Muschel umhüllt. Zugleich genieße ich es, inmitten der Welt der Bücher zu sein mit all ihren geistigen Anregungen und den Gesprächsfetzen über Lieblingsbücher und Neuerscheinungen, die mich umschwirren. Das Gefühl der Geborgenheit bewirken die ovale Form der Inseln und die hochgezogenen Rückenlehnen, die mit ihren Leselampen weit über den Kopf hinausragen; sie schirmen vom Einkaufstrubel ab. Verstärkt wird das durch Stufen, die zu jeder Insel-Mulde hinabführen. Es ist wirklich ein wenig, als würde man abtauchen.

Unsere Leseinsel in der ersten Etage ist am größten, rund 30 Besucher finden dort gut Platz. Sie wird auch am stärksten genutzt. Man sitzt beim Schmökern dort direkt neben dem Ladencafé und kann sich auch mal einen Cappuccino ’rüberangeln. In den oberen Stockwerken werden unsere Inseln kleiner. Die höchste in der dritten Etage hat nur zwölf Plätze. Die gilt als Geheimtipp für Leute, die es besonders ruhig haben wollen. In den Regalen stehen Bücher zu Film, Fotografie und den schönen Künsten. Die ziehen nicht ganz so viel Publikum an wie Romane oder Kinderbücher. Andererseits macht es ja gerade Spaß, solche opulent illustrierten Bände in der Leseinsel anzuschauen und erst danach auszuwählen.

Ich bin immer wieder überrascht, wer sich alles auf unseren Inseln wohlfühlt. Das sind keineswegs nur Kunden. Pärchen kommen für ein Schmusestündchen, Touristen stellen ihren Rolli neben sich ab, um zu verschnaufen. Junge Leute klappen ihren Laptop auf und tippen drauf los. Auch Zeitung wird hier gerne gelesen. Viele scheinen sich wie zu Hause zu fühlen. Es kommt sogar vor, dass Leute ihre Schuhe ausziehen und strumpfsockig dasitzen. Verblüffend ist auch, wie toll sich die Besucher untereinander verständigen. Telefoniert einer lautstark, tratschen zwei am laufenden Band, werden sie von anderen darauf hingewiesen – freundlich, aber bestimmt. Erfreulich ist auch, wie sorgsam die meisten Leute mit den Ansichtsexemplaren umgehen. Es gibt nur ganz selten Schäden.

Könnte man diese Leseinseln verbessern? Besucher haben dazu Vorschläge geliefert – bevorzugt in Richtung „Beine hochlegen“. In unseren neuen Filialen wie in Stuttgart ist das schon möglich. Da gibt’s Leseinseln mit ergonomischer Relaxzone. Hab’s schon ausprobiert, ist wunderbar. Aufgezeichnet von

Christoph Stollowsky

Hugendubel, Tauentzienstraße 13, geöffnet Montag bis Sonnabend, 9.30-20 Uhr.

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