Berlin : Abwasser heizt die Sporthalle auf

Kreuzberger Modell zapft die Kanalisation an

Matthias Oloew

Die Wärme kommt von unten. Wenn Schüler und Vereinssportler in der neuen Halle an der Ecke Baerwald- und Gneisenaustraße in Kreuzberg nicht frieren werden, haben sie das der Abwärme aus der Kanalisation zu verdanken. Zum ersten Mal in Berlin wird in dieser Halle ein Heizungsmodell ausprobiert, das es in dieser Form erst viermal in Deutschland gibt. Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) freute sich über die Modellanlage: „Das Abwasser ist das Erdöl Berlins.“

Ganz so euphorisch mochte das bei der Vorstellung der Anlage am Montag Wolfram Stodtmeister zwar nicht sehen. Aber: „Das Abwasser ist im Prinzip eine regenerative Energie, denn wir werden auch in Zukunft Wasser durch Spülen, Duschen, Kochen und Putzen verbrauchen.“ Das Wasser rausche mit zehn bis 25 Grad Celsius in die Kanalisation, Wärme die bisher ungenutzt abfließe.

Stodtmeister und seine Energieconsultingfirma entwickelten die Idee und die Planung der Anlage. Sie ist verblüffend einfach: In die Sohle der Kanalisation werden Wärmetauscher gelegt, die die Energie des gewärmten Abwassers an die Heizung in der Sporthalle weitergeben. In der Musteranlage liegen nun 33 Wärmetauscher hintereinander im unterirdischen Rohr, etwa 33 Meter ist sie lang. Sie deckt 75 Prozent des Energiebedarfs der Hallenheizung, der Rest kommt aus einer gewöhnlichen Gastherme. „Theoretisch wäre es möglich gewesen, die Halle komplett mit dem Abwasser zu beheizen“, so Stodtmeister weiter, „das wäre aber nicht wirtschaftlich gewesen.“

So kostet die Anlage rund 100 000 Euro, die Vattenfall bezahlt. Der Energiekonzern wird die neue Heizung auch fünf Jahre lang warten und prüfen, um zu sehen, ob sich weitere Anlagen dieser Art an anderen Stellen der Stadt amortisieren würden. Klassische Einsatzorte wären zum Beispiel Schwimmhallen, die sehr viel stark gewärmtes Wasser in die Kanalisation abgeben. Voraussetzung für eine solche Anlage ist ein genügend großes Kanalisationsrohr vor der Haustür.

Stodtmeister sieht große Potenziale in der Technik. Nach seinen Berechnungen könnte die Abwassermenge in Deutschland ausreichen, um bis zu vier Millionen Haushalte mit Wärme zu versorgen, „das wäre jeder zehnte Haushalt“. Möglich seien drei Arten der Wärmerückgewinnung aus Abwasser: noch im selben Haus, in der Kanalisation oder sogar in der Kläranlage. Selbst dann ist das Wasser noch so aufgeheizt, dass es Wärme abgeben könnte.

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