Berlin : „Ach, hätte er uns doch nicht so gekränkt“

Wie türkische Blätter über den Nobelpreisträger Pamuk berichten

Suzan Gülfirat

„Der Nobelpreis gehört einem Türken“, titelte die „Hürriyet“ am Freitag zu einem großen Foto von Orhan Pamuk. „Gestern um 14 Uhr öffneten sich die Türen der Schwedischen Akademie, und es wurde verkündet, dass der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis 2006 erhält“, hieß es in den Unterzeilen. In der „Türkiye“ musste der Leser dagegen das Foto des Geehrten ein wenig suchen. „Der Nobelpreis geht an Pamuk“, hieß es über einer Meldung, die auf einen nachrichtlich geschriebenen Text im Innenteil verwies.

Die Freude über diesen Preis ist jedenfalls für viele Türken nicht ungetrübt. „Was sagt meine türkische Seite“, lautete die Überschrift eines der unzähligen Kommentare zu diesem Thema. „Hürriyet“-Autor Ertugrul Özkök machte sich darin Gedanken darüber, inwieweit er sich über Pamuks Erfolg freuen kann. „Ach, hätte er uns doch nicht so tief gekränkt“, schrieb er. Damit meinte er eine Äußerung des Schriftstellers in einem Interview mit dem Magazin des Zürcher „Tages-Anzeigers“ vom 5. Februar 2005. „Man hat hier 30 000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen“, hatte Pamuk gesagt. Das Verfahren wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ wurde im Januar 2006 eingestellt.

Özköks Freude trübte zudem ein neues französisches Gesetz. Das Parlament in Paris verabschiedete am Tag der Preisverkündung einen Beschluss, der die Leugnung des Genozids unter Strafe stellt. „Ach hätte doch – dies ist sonst ein großer, stolzerfüllender Preis – das französische Parlament diesen nach Doppelzüngigkeit und primitivem Wählerfang triefenden, rückständigen Beschluss nicht an diesem Tag verabschiedet.“ Jedenfalls machte die „Hürriyet“ das Thema genauso groß auf wie die Nobelpreisverleihung. Die „Türkiye“ füllte mit dem Thema sogar die ganze Titelseite: „Der Schandbeschluss.“

Ganz anders sah am Freitag die Titelseite der liberalen „Milliyet“ aus. „Nobel ist mein Name“, lautete die Überschrift zur Aufmachung, die drei Viertel der Seite füllte. Der Titel ist eine Anlehnung an den Romantitel „Rot ist mein Name.“ Und alle Kolumnisten dieser Zeitung freuten sich vorbehaltlos über die Auszeichnung.

Am Sonnabend legte dann auch die „Türkiye“ nach. „Der große Erfolg von Orhan Pamuk“, lautete die Überschrift zum Kommentar von Rahim Er. „Wir gratulieren ihm“, schrieb Er. Auch die „Türkiye“ stellte sich am Ende hinter den Preisträger. „Kann sein, dass seine Äußerungen verärgern. (…) Uns interessiert die Meinung von erfolgreichen Sportlern und Künstlern doch auch nicht.“

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