Berlin : Ach, wie süß!

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VON TAG ZU TAG

Von Bernd Matthies

Um mal mit Argentinien anzufangen: dort hat ein Sexualforscher gerade herausgefunden, dass die Wirtschaftskrise die Stimmung in den Schlafzimmern versaut. Unlust allenthalben! Es liegt auf der Hand, dass dieses tückische Symptom auch unheilvolle Langzeitwirkungen entfaltet, denn ohne Sex keine Babys, ohne Babys keine Rente. Es wäre naiv, zu glauben, dieser Effekt bliebe auf Argentinien beschränkt; gut, dass das wirtschaftlich längst argentinisierte Berlin bereits erste Schutzmaßnahmen ergriffen hat. Nicht das offizielle Berlin leider, aber in dieser Lage ist jede Privatinitiative hilfreich. „2000 Babys für Berlin“ heißt die Aktion, mit der der Sender Radio Paradiso... ja, was eigentlich?

Die typische Zielgruppe muss man sich offenbar so vorstellen: Junge Ehepaare, die zu Hause sitzen, über ein Kind diskutieren und zum Ergebnis kommen, das sei zwar ganz prima, aber nix für sie. Keine Kindergartenplätze! Dieser Mangel ist zwar seit Jahren in Berlin völlig unbekannt, aber er könnte ja mal wiederkommen, nicht wahr? Nun verspricht der Sender, jedem telefonisch gemeldeten Kind einen Platz zu besorgen und droht Mutter und Kind außerdem die Aufnahme in die fotografische „Ach-wie-süß-Parade“ der BZ an. Begleitet von allerhand hubba-bubba und tüdel-düdel.

Nur: Diese Kinder sind ja alle schon da, die Glückliche-Mutter-mit-glücklichem-Kind- Fotos zeigen es überdeutlich. Wie entsteht denn nun der 2000-Babys-Effekt? Werden 2000 potenzielle Elternpaare erleichtert aufseufzen und ins Bett eilen in der vagen Hoffnung, die Aktion laufe in neun Monaten noch immer, und der Nachwuchs könne die Ach-wie-süß-Parade dann gerade noch erreichen? Oder werden sie einfach überwältigt von der Erkenntnis, dass Kinderkriegen eine super Sache ist, weil das im Radio zusammen mit tausend Schmusesongs verbreitet wird und auch in der Zeitung steht ?

Ja, so ist es wohl gemeint. Erst niedliche Babys mit sicherem Kita-Platz, daraus folgend gute Laune, die zu sonnigen Perspektiven und wachsender Kauflaune führt. Das stimuliert die Wirtschaft, es folgt unaufhaltsamer Aufschwung, Boom! Und wir können sagen, wir seien dabei gewesen. Berlin steht dann längst glänzend da, während sie in Argentinien immer noch mufflig nebeneinander im Bett liegen und mit ihren Sexualforschern telefonieren. Ist das nicht süß?

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