Berlin : Achtzig Autos in fünf Minuten

Die Reinickendorfer Auguste-Viktoria-Allee ist verkehrsberuhigt – theoretisch

Ute Zauft

Anja Wiese bringt ihre Tochter Tamara jeden Morgen zur Schule, auch wenn es ihr gegen den Strich geht: „Sie ist acht und muss irgendwann selbstständig werden.“ Die Auguste-Viktoria-Allee vor Wieses Haus in Reinickendorf ist mit rötlichen Steinen gepflastert, eine Linie aus grauen Steinen deutet einen ebenerdigen Gehsteig an. Die Familie lebt in einer verkehrsberuhigten Zone, Autos und Fußgänger sind auf der Straße gleichberechtigt – doch das gilt lediglich theoretisch.

„Eines Morgens konnte ich Tamara noch in letzter Sekunde am Ranzen packen, sonst wäre sie umgekarrt worden“, erzählt Anja Wiese. Das war vor rund zwei Jahren, seitdem setzt sich die Mutter für eine Sperrung der Allee auf halber Strecke ein. Für den Durchfahrtsverkehr nach Wedding wäre die Allee dann keine Option mehr, der Zugang der Anwohner aber gesichert. Ein entsprechender Antrag der Grünen wurde allerdings Anfang dieses Jahres von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) abgelehnt.

„Die Auguste-Viktoria-Allee wird schon als Durchgangsstraße genutzt“, sagt Christian-Alexander Hoppe, Sprecher der Polizeidirektion 1. Das Problem sei allerdings neu und zeitlich begrenzt. Hoppe erklärt den Durchgangsverkehr damit, dass seit rund einem Jahr der Flughafentunnel gesperrt ist. Die „Auguste“ sei einer der Schleichwege, um die seitdem überfüllte Scharnweberstraße zu umgehen. So rollen schon morgens und auch zum Schulschluss um 16 Uhr schwere Laster und eine lange Reihe von Pkw am blauen Spielstraßenschild vorbei. Dabei umkurven sie geschickt die Einbuchtungen und die Bodenwellen, die das Rasen verhindern sollen.

Auf Seiten der Polizei sieht Hoppe nur wenig Handlungsspielraum: „Die Durchfahrt ist nicht verboten.“ Auch die Geschwindigkeitskontrolle gestaltet sich schwierig. Zwar wissen nach Hoppes Erfahrung viele nicht, dass man im verkehrsberuhigten Bereich nur sieben Stundenkilometer fahren darf, trotzdem gibt es keinen fest installierten Blitzer. Die Stichproben der Beamten mit einem manuellen Lasermessgerät bleiben punktuell.

Der zuständige Stadtrat im Ordnungsamt, Thomas Ruschin (CDU), sieht auch in der Sperrung der Straße kein „Allheilmittel“. Dann würde der Verkehr auf die umliegenden Straßen abgewälzt, in denen Tempo 30 vorgeschrieben ist, sagt er. Jetzt will er erst mal eine Verkehrszählung abwarten. Die soll „zeitnah“ nach Öffnung des Tunnels stattfinden – geplant ist diese für Mai 2008.

Nach Ansicht von Anja Wiese müsste schon viel früher etwas geschehen. Sie selbst hat Anfang dieses Jahres gezählt: „Mehr als achtzig Autos in fünf Minuten.“ Außerdem bestehe das Problem keineswegs erst seit der Tunnelschließung. Die Wieses kennen das Problem seit 1983 – seit damals wohnen sie in der Auguste-Viktoria-Allee. Ute Zauft

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