Berlin : ADAC-Ball und Alpenball: Leider ohne Gämsen

Deike Diening

"Also wenn sich mittags, am hellichten Tag, die Enziane schließen. Oder wenn sich eine Gämsenherde nach unten an die Felsen drängt, dann zieht ein Unwetter auf", erklärt Herr Sell. Der Mann mit der bestickten Trachtenkrawatte rät in solch einem Fall, umzukehren oder sich schleunigst auf die nächste Berghütte zu begeben. Heute Abend aber besteht keine Gefahr: Weit und breit keine Gämsen. Gert Sell kann sich in seinem Stuhl zurücklehnen und in Ruhe noch einen Bocksbeutel ordern. Auch wenn er in den Alpen sonst gerne mit den Naturgewalten auf Tuchfühlung geht. Ob es denen Respekt einflößt, dass er an seiner Windjacke das Abzeichen trägt? Für die 40-jährige Mitgliedschaft im Deutschen Alpenverein, Sektion Berlin.

Es ist Alpenball. Mit Gesprächen, wie sie sonst auf keinem Ball der Stadt zu führen sind. Das Hotel heißt Steigenberger, aber das sei Zufall, heißt es. Eine Tanz-Combo spielt für alle, die sich sonst in der Kargheit der Berge nur selten begegnen und heute unter Kronleuchtern sitzen.

Ein unvereinbarer Gegensatz? Um 1900 gehörten die Bälle des Alpenvereins zu den großen gesellschaftlichen Ereignissen. "Die Gesellschaft" musste gar nicht erst verkrampft eingeladen werden, denn die Mitglieder waren "die Gesellschaft". Das Ziel, mit der Volkstanzgruppe des Vereins dessen Hütten zu finanzieren, wurde derart übererfüllt, dass die "Berliner Hütte" in den Zillertaler Alpen mit allem Komfort ausgebaut werden konnte, so, "dass es eigentlich gar keine richtige Hütte mehr ist", erzählt Bernd Schröder, der Geschäftsführer: hohe Räume, kostbare Hölzer, ein Festsaal. Die einzige Hütte, die unter Denkmalschutz steht.

Jedes Mitglied mit Ehrgeiz war schon einmal da. Die einträchtige Volkstanzgruppe allerdings, die die komplizierten Tiroler Tänze im Gedächtnis bewahrte und das Geld ertanzte, zerstritt sich wie in Vorahnung der Geschichte unwiderruflich über die Frage einer bestimmten Drehung: Rechtsrum oder linksrum? Fortan gab es eine Sektion Berlin und eine abgespaltene Sektion Mark Brandenburg, die 60 Kilometer entfernt von der Berliner Hütte im Ötztal eine Konkurrenzhütte baute. Zu erreichen nur über Gletscher.

Der Fuß versinkt im dicken Teppich des Steigenberger Hotels, und dabei reden hier fast alle doch am liebsten über Schnee. Getanzt wird auch. "DAV", erinnert sich jemand, "stand in der DDR für Deutscher Angel-Verein." Mit dem werden die Alpinisten noch heute manchmal verwechselt.

Die Gründer des Berliner Alpenvereins - mit über 7000 Mitgliedern trotz der Entfernung zum steinigen Objekt ihrer Begierde einer der größten Sektionen - hatten 1896 noch ganz andere Interessen: Humboldt war gerade mal zehn Jahre tot, da erreichte in Berlin das wissenschaftliche Interesse an der Bergwelt seinen Höhepunkt: Gletscherforschung, Hochgebirgsgeologie. Zu der Zeit hieß der Kilimandscharo auch noch "Kaiser-Wilhelm-Spitze".

Heute ist solches Interesse der geringste Grund, dem Alpenverein beizutreten. "Man hat ja auch Vorteile als Mitglied," sagt Gert Sell. "Bei den Sesselliften und so." Auf solchen Komfort darf Geschäftsführer Schröder bei seiner nächsten Exkursion in die Bergwelt nicht hoffen, die auch der Grund ist, weshalb er am Abend fehlt: Er wiegt sein Gepäck für eine fünfwöchige Expedition in die argentinischen Eiswände aus - grammweise.

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