ADAC-Schulprojekt : Ich hab' Spaß, ich geb' kein Gas

Die Aktion „Mobil mit Köpfchen“ soll Schülern umweltschonendes Fahren beibringen - mit Experimenten und Messungen, mit Theorie und Praxis. ADAC und TÜV finanzieren das Projekt. Ostern 2014 geht es los.

Moritz Herrmann
Erst mal einen Testballon starten. An der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg wurde das Projekt „Mobil mit Köpfchen“ vorgestellt. Experimente zu Abgasmenge und Lautstärke sollen die Schüler für umweltschonendes Fahren sensibilisieren. Foto: Eventpress
Erst mal einen Testballon starten. An der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg wurde das Projekt „Mobil mit Köpfchen“...Foto: Eventpress Herrmann

Eigentlich war das hier ja als Sensibilisierungsprojekt für Fahranfänger geplant, aber wenn man diesen jungen Menschen noch dazu ein wenig Flirtkunde vermitteln kann – warum denn nicht? Also lehrt Jörg Kirst, ADAC-Abteilungsleiter Technik, ins Mikrofon: „Jungs, die ihr Mädel mit einem coolen Kavalierstart beeindrucken wollen, sollten sich das Geld für diesen Mehrverbrauch lieber sparen und am Ende der Woche in ein Restaurant einladen.“ Die Jungs der 11. Klasse der Friedensburg-Oberschule feixen. Erst mal den Führerschein machen. Dann Liebe. Mehrverbrauch sparen? Okay, vielleicht.

„Mobil mit Köpfchen“ heißt das Programm, mit dem der ADAC Berlin-Brandenburg, der Tüv Rheinland und die Bildungsverwaltung Jugendlichen umweltschonende Mobilität beibringen wollen. Über praxisnahe Experimente sollen, wirbt die Broschüre, die teilnehmenden Schülern die Einsicht gewinnen, „dass sie durch ihr eigenes Handeln stark zur Entlastung von Umwelt und Mitmenschen beitragen können.“ In Bayern läuft die Initiative schon länger, Berlin zieht nun nach. „Es gibt Themen, die in der Führerscheinausbildung zu kurz kommen – Lärm und die Umwelt gehören dazu“, sagt Jürgen Brauckmann, Vorstandmitglied des Tüv. Deshalb greife man dem Fahrunterricht vor und sensibilisiere schon die Elftklässler für CO2-Ausstoß und Lautstärke. Erst mal jene aus der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg, zur offiziellen Präsentation der Kampagne. Erkenntnis: Noch läuft nicht alles reibungslos.

Nach dem ersten Liveversuch schließt der gelbe Ballon nicht, der vorher eine Minute lang bei 1000 Umdrehungen die Abgase aus dem Auspuff gesammelt hat. Zischend entweicht das Kohlenmonoxid wieder in die Herbstluft. Besser klappt es bei 3000 Umdrehungen, die Gummihülle schwillt auf Sitzballgröße, die Schüler legen das Maßband an – 2,80 Meter Durchmesser. Ganz schön beeindruckend. Wenig später darf Benni als Komparse aufs Gaspedal steigen, aber weil das mit dem Ballon da hinten so lange dauert, dreht der Schüler einfach mal das Radio des VW Touran auf. „Yeah“, ruft Benni und rudert mit den Armen, die Klassenkameraden lachen, der Bass macht bummbumm. Für den ADAC immerhin eine passende Überleitung zum zweiten Versuch: Lautstärkemessung.

Peter Voigt, Automobilurgestein und seit 1971 beim ADAC, greift sich das Megafon, sein Kollege setzt sich mit dem Dezibelanzeiger ans Lenkrad. „Und jetzt das Radio mal richtig aufdrehen!“ Voigt ruft Zahlen, die Autoinsassen versuchen diese trotz Radiolärm zu hören. 13, richtig, 7, korrekt, 9, stimmt genau. Erst bei 89,7 Dezibel lauter Musik kommen die Ziffern nicht mehr richtig an. „Ihr habt ein ausgezeichnetes Gehör, das muss man fairerweise zugeben“, gratulieren jetzt die Experten den aussteigenden Schülerprobanden.

Ab Ostern 2014 soll „Mobil mit Köpfchen“ flächendeckend in Berlin angeboten werden, Brandenburg will zum nächsten Schuljahr nachfolgen. Die Verkehrserziehung dauert zwei Schulstunden, den Wagen bringt der ADAC mit und finanziert mit dem Tüv auch alles. „Wir hätten selbst kein Geld für die Aktion, aber so ist es natürlich toll. Die Senatsverwaltung steht voll dahinter“, sagt Christian Lindenburg, bei der Behörde zuständig für Umweltbildung, Verkehrs- und Mobilitätserziehung. Auf dem Schulhof an der Goethestraße sieht er, wie Voigt den letzten Versuch vorbereitet. Es geht jetzt, zur dramaturgischen Krönung, das Beste am Ende, um den erwähnten, um den zu vermeidenden Kavalierstart.

Den Schülern ist eher der Begriff Kickstart geläufig, sie zeigen auf die Reifen: „Pass auf, das gibt eine fette Bremsspur.“ Benni, eben noch am Lenkrad, will bald seine ersten Fahrstunden nehmen. Und dann die Umwelt schonen? „Ich denke schon, dass man sich an manches, was man hier lernt, erinnert und es später berücksichtigt.“

Merken, erinnern, anwenden. Darauf zielt die Aktion „Mobil mit Köpfchen“ ab. Und siehe da, der Kavalierstart schindet wirklich Eindruck. Johlend bestaunen die Schüler das Profil der durchdrehenden Reifen. Sich diesen Spaß sparen, nur für ein Dinner mit der Liebsten? Das könnte vom ADAC dann doch ein bisschen zu viel verlangt sein.

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