Adel berichtet (1) : Vorerst Praktikant

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als ich am Montagmittag mit dem Taxi beim Tagesspiegel vorfahre, um mein Praktikum zu beginnen, ernte ich die Früchte jahrelanger Arbeit als Textchef der Sudoku-Seiten beim Bayernkurier - ehrenamtlich! Qualität setzt sich eben durch, unabhängig davon, ob die Eltern Porsche fahren oder doch nur einen Audi.

Der erste Tag im neuen Job ist immer der schwerste. Darum rufe ich gleich mal alle Kollegen im Newsroom zusammen, um mich vorzustellen und ein paar Probleme anzusprechen, die mir beim Reinkommen aufgefallen sind. Was soll es mir etwa sagen, dass die Espressomaschinen mit einem Bohnenverhältnis von 80% Robusta zu nur 20% Arabica betrieben werden? Mehrere Zwischenrufe signalisieren mir, dass ich einen Punkt getroffen habe. Gut, dass ich vorher dem Volontär 500 Euro gegeben habe, damit er bei Starbucks eine Runde vernünftigen Kaffee holt. Schon bald reden wir darüber, wie ich dem Blatt ganz konkret helfen kann.

Weil meine Vorgängerin an dieser Stelle, Renate Künast, ihre Kolumne aus politischen, nicht aus privaten Gründen abgeben musste, bezieht sie weiterhin ein Ehrenhonorar - für einen neuen Autor ist deshalb kein Geld da. Ich biete meine Dienste an und sitze schon 30 Minuten später im Wagen nach Mitte, um über Ferienwohnungen zu recherchieren. Ich persönlich sehe Tourismus in Berlin ja als Brückenlösung zur Haushaltskonsolidierung, bis durch flankierende Maßnahmen endlich eine Elitendichte wie in München oder London erreicht wird.

Meinen Text will ich trotzdem wasserdicht recherchieren und entscheide mich für einen Selbsttest: Ich vermiete mein eigenes Loft für eine Nacht an Maria und Fernanda, zwei brasilianische Models auf Europa-Tour. Ich setze mich zwischen beide aufs Sofa und notiere den Geräuschpegel, während sich die zwei durch meine Weinsammlung trinken. Erstaunlich: Selbst nach vier Flaschen sind sie kaum lauter als Wagners "Ritt der Walküren", den ich noch auf dem Plattenspieler liegen hatte. Alle späteren Notizen sind leider durch Rotweinflecken zerstört - aber als ich am nächsten Mittag aufwache, sind Maria und Fernanda schon weg, und im ganzen Haus ist es so ruhig, man würde einen Karotten-Stick fallen hören. Mein Chef meint jetzt leider, ich hätte die Story zu einseitig angelegt. Darum habe ich sicherheitshalber heute noch mal an drei Vertreterinnen der französischen Au-pair-Mädchen-Vereinigung vermietet. Niemand hat gesagt, dass guter Journalismus einfach wäre ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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