Adel berichtet (14) : Die Schlange im Pumapelz

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Seit Tagen hat mein Jungdackel Taxi kaum etwas gegessen. Mittags rührt er lustlos mit der Pfote im Pfifferling-Risotto, abends lässt er das Schnitzel im Borchardt unberührt zurückgehen. Gestern Nacht ist er dann vor lauter Erschöpfung sogar auf seinem iPad eingeschlafen. Und was hat er sich zuletzt angeschaut? Die Fotos von Missoula, dem Puma-Mädchen aus dem Tierpark!

Hund und Herrchen werden sich ja mit der Zeit immer ähnlicher - aber dass das mit den Frauen so schnell losgeht, kommt dann doch überraschend. Am nächsten Morgen in der Konferenz kann ich mich kaum konzentrieren. Das mit Missoula mag nur eine Phase sein, aber was, wenn bald die Richtige vor dem Fressnapf steht? Bin ich schon bereit, Taxi ziehen zu lassen?

Vor lauter Sorgen vergesse ich glatt, meine Idee für eine Dritte Seite ins Gespräch zu bringen: Als Günter Wallraff verkleidet wollte ich mich bei den Hells Angels einschleusen, um den berüchtigten Motorradverein auf Altersdiskriminierung zu testen. Stattdessen darf ich eine Meinung schreiben zur Forderung der CDU, Kiffer härter zu verfolgen. Ganz klar ein Irrweg: Wenn eine Klientel, die eindeutig nicht zur eigenen Wählerschaft gehört, freiwillig etwas konsumieren möchte, das sie gerade an Werk- und Wahltagen antriebslos macht, dann muss man das als Partei unterstützen. Nur so werden heute Wahlen gewonnen! Während ich den Text ins Redaktionssystem tippe, sitzt Taxi am Fenster und starrt in die Wolken. Ich seufze.

Als wir zwei Stunden später am Eingang des Tierparks unsere Journalistenausweise vorzeigen, ist mir schwindelig: Ist das das Ende? Auch Taxi ist aufgeregt, seine Pfoten hinterlassen Schweißabdrücke auf dem Asphalt. An Missoulas Gehege reiche ich ihm den Stoffteddy, den wir an der Tankstelle ausgesucht haben. "Hol sie dir, Tiger!", möchte ich flüstern, aber als mir die Tränen kommen, will ich nur noch weg. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Pumagehege.

Dann trifft mich etwas am Kopf. Der Kopf des Teddybären! Blutig! Ich sprinte zurück zum Gehege, zu allem entschlossen. Missoula hat Taxis Teddy zerfetzt und ihn mit einem Kotelett beworfen. Schlampe! Ich sage Taxi, dass er sich die Ohren zuhalten soll, dann packe ich die Pelzschlange am Kragen und geige ihr die Meinung. Von diesen Berghain-Tussis bin ich ja einiges gewohnt, aber wenn jetzt selbst flauschige Pumababys nicht mehr mit Zuneigung umgehen können ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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